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John Neumeier wird 80 : Die ewige Jagd nach der Seele des Künstlers

  • -Aktualisiert am

John Neumeier auf einer Pressekonferenz im chinesischen Beijing im April 2017. Bild: ddp/Han jingyu - Imaginechina

Homosexualität, Künstlertum, das Leiden des männlichen Genies an einer Welt, die aus mehr als Federn, Tüll und Jünglingen besteht – das sind John Neumeiers zentrale Themen. Dem Hamburger Ballettdirektor zum Achtzigsten.

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          Wenn ein Firmengründer im Alter wünscht, sein Imperium möge von seinen Kindern weitergeführt werden, ist das verständlich. Nicht selten aber sind die Kinder nicht disponiert, die damit verbundenen Erwartungen zu erfüllen. Das Hamburgballett ist, technisch, verwaltungsrechtlich, politisch, finanziell betrachtet, eine an der Hamburgischen Staatsoper beheimatete Tanzcompagnie. Emotional betrachtet, ist das Hamburgballett eine Familie – des Ballettdirektors John Neumeiers Familie, wie dessen Ehemann, der Herzchirurg Hermann Reichenspurner, jüngst anlässlich der mit dem Ensemble gefeierten Hochzeit der beiden formulierte.

          Das Hamburgballett wird seit 1973 von John Neumeier geleitet und von ihm also als eine Art Familienunternehmen angesehen. Das ist insbesondere dann verständlich, wenn man bedenkt, dass sein Vertrag im vergangenen Jahr erneut verlängert wurde, und zwar bis 2023. Morgen wird Ballettintendant Neumeier achtzig Jahre alt. Erfüllt er seinen Vertrag, wird er vierundachtzig Jahre alt sein und sein fünfzigjähriges Jubiläum als Ballettdirektor an ein und demselben Haus feiern können. Ein sportliches Vorhaben.

          Erst Militärdienst, dann Tänzer

          Was sein Familienunternehmen betrifft, so sei es zwar der Aufsichtsrat, der über seine Nachfolge entscheide. Neumeier wünsche sich jedoch mitzusprechen, wie er öffentlich erklärte. Zur Erläuterung scheute er sich nicht, auf die Wichtigkeit seines choreographischen Erbes dergestalt hinzuweisen, dass er den direkten Vergleich mit Marius Petipa (St. Petersburg, im neunzehnten Jahrhundert der wichtigste Choreograph der Welt) und George Balanchine (Begründer des New York City Ballet und neben Frederick Ashton und Merce Cunningham der berühmteste Choreograph des zwanzigsten Jahrhunderts) zog. Möge das die Tanzgeschichte entscheiden.

          Zum Thema Nachfolge hat Neumeier vorsorglich 2015 den seit 1995 als Solist bei ihm unter Vertrag stehenden Lloyd Riggins zum Stellvertretenden Ballettdirektor ernannt. Riggins wird dieses Jahr fünfzig und könnte also noch vor dem sechzigsten Geburtstag Ballettdirektor werden.

          Am 24. Februar 1939 an einem der fünf größten Seen der Vereinigten Staaten geboren, kam John als Sohn eines Kapitäns zur Welt. Er lernte Stepptanz und durfte seinem Berufswunsch Tänzer nachgeben, sofern er zuvor einen akademischen Abschluss anstrebte und den Militärdienst absolvierte, was er tat. Um dann an der Royal Ballet School in London als fortgeschrittener Student noch angenommen zu werden, machte sich Neumeier drei Jahre jünger, was er erst 2017 aufklärte. Noch 2012 war ihm zum siebzigsten Geburtstag gratuliert worden.

          Familienknatsch gibt es nicht

          Zuverlässiger ist die Zahl von 150 Balletten, die Neumeier choreographisch inzwischen überschritten hat. Seine gefällige neoklassisch-liebliche Ballettsprache diente ihm von Anfang an dazu, Autor einer Art Tanztheater auf Spitze zu sein. In seiner Petipa/Iwanow-Umdeutung „Illusionen wie Schwanensee“ ist 1976 der Bayernkönig Ludwig dem Schwanenmythos tänzerisch verfallen. Homosexualität, Künstlertum, das Leiden des männlichen Genies an einer Welt, die aus mehr als Federn, Tüll und Jünglingen besteht, das sind Neumeiers zentrale Themen. Nijinsky, Bernstein oder Peer Gynt sieht er als seine Alter Egos, in allen Grand Jetés auf der Hamburger Bühne jagt Neumeier dem Phantom seiner eigenen Künstlerseele hinterher.

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          Bevor er anhub, dieses konzentrierte Œuvre zu schaffen, sorgten Marcia Haydee und Richard Cragun auf Talentsuche in London dafür, dass John Cranko ihn in Stuttgart als Tänzer engagierte. Nach ersten Stücken dort und einer Ballettdirektion in Frankfurt von 1969 an, holte die Hamburger Staatsoper ihn 1973. Bei den Protestanten choreographierte der einstige Jesuitenschüler nicht nur Musik Gustav Mahlers, sondern auch sakrale Werke wie die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Neumeier gründete eine phantastische Ballettschule, wie man überhaupt sagen muss, dass seine Tänzer absolut brillante und faszinierende Bühnenpersönlichkeiten sind. Seiner theaterwissenschaftlichen Ausbildung gibt er nach, indem er Memorabilia Vaslav Nijinskys sammelt, darunter bedeutende Kunstwerke.

          Der Kult, den Neumeier um seine eigene Person inszeniert, findet seinen vorläufigen Höhepunkt in der morgigen John-Neumeier-Geburtstags-Gala, die er selbst moderiert. Wie die Familienfeier morgen, so ist auch sein ganzes Werk, so ist seine Welt: Man hat in ihr allenfalls Grund, die Hand an die Stirn zu heben und nach Riechwasser zu seufzen. Handfesten Krach, Familienknatsch gibt es nicht.

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