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Dirigent John Nelson : Der Heitere, stets ohne Stock

  • -Aktualisiert am

John Nelson 2019 in Prag Bild: Picture Alliance

Als Sohn amerikanischer Missionare in Costa Rica geboren, fand John Nelson mit knapp dreißig Jahren seine eigene Mission: die Musik von Hector Berlioz. Inzwischen gilt er als einer von deren besten Interpreten. Heute wird der Dirigent achtzig Jahre alt.

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          Wenn John Nelson über den künstlerischen Schöpfungsakt spricht, meint er Freude: „Nehmen Sie das Wort ‚Schöpfung‘ — im hebräischen Original hat es nach meinem Empfinden eine Konnotation von Tanz, Gesang und Freude! Wir sollten uns zwar auch in Brahms hineinversetzen können, diesen sehr ernsten Komponisten, einen Norddeutschen, der selten lächelte. Aber der grundlegende kreative Impuls sollte freudig sein, ebenso wie der Akt der musikalischen Aufführung“, sagte Nelson einmal dem Rundfunkjournalisten Bruce Duffie in Chicago. Und fügte noch einen Satz hinzu, der im „alten“ Europa verdächtig unbeschwert und „kundenorientiert“ klingt: „Niemand möchte doch eine Aufführung besuchen und hören, die bloß negativ, schwer, dunkel, ernst ist.“

          John Nelson wurde in Costa Rica als Kind eines amerikanischen Missionarsehepaars geboren. Kurz nach dem Studium an der Juilliard School in New York lernte er Hector Berlioz’ Oper „Les Tro­yens“ kennen, die Partitur in der soeben erschienenen Ausgabe der New Berlioz Edition und die neue Plattenaufnahme unter der Leitung des britischen Berlioz-Champions Colin Davis (1970). Ein In­itialerlebnis, denn diese Musik war „grundverschieden von allem, was ich kannte“. 1972 dirigiert Nelson erstmals die „Troyens“ in der Carnegie Hall, 1974 als Einspringer für Rafael Kubelik an der Metropolitan Opera New York.

          Daraus erwuchsen Engagements mit amerikanischen Orchestern, zugleich auch an europäischen Häusern, etwa der Opéra de Lyon. In Paris prägte er von 1998 bis 2007 das ambitionierte „Ensemble Orchestral de Paris“. Mit ihm, dem heutigen Orchestre de chambre de Paris, führte er 2011 eine wunderschöne, nicht zuletzt freudige Bach’sche Matthäuspassion in der Kathedrale von Saint-Denis auf. Die qualitätvolle DVD-Aufnahme (als BlueRay bei Euroarts und als Stream im Netz auf medici.tv) zeigt, dass Nelson nicht als allgewaltiger Magier mit Zauberstab auftritt, sondern mit modellierender Gestik und dem wachen Blick seiner wasserblauen Augen dirigiert. Bemerkenswert, dass er selbst für ein komplexes Werk wie Berlioz’ Requiem keinen Dirigierstab benutzt!

          Sein Faible für große Chorwerke resultierte in der Gründung einer Stiftung zur Förderung sakraler Musik von Alt bis Modern, Soli Deo Gloria. Eine weitere Stiftung, Ascanio’s Purse, begleitete Nelsons Herzensanliegen, die großen Werke von Berlioz auf Basis von Livekonzerten einzuspielen: „Benvenuto Cellini“, „Les Troyens“, „La damnation de Faust“ und das Requiem (alle bei Erato/Warner). Die „Trojaner“, aufgenommen im Palais de la musique Strasbourg (F.A.Z. vom 2. Januar 2018), wurden als „Recording of the Year“ des britischen Magazins Gramophone ausgezeichnet, und Nelson ist stolz auf den französischen Appeal der Produktion. Dafür sorgten neben den Straßburger Chören auch die fantastischen jüngeren Sänger Cyrille Dubois und Marianne Crebassa, von denen man in Sachen Berlioz noch hören wird.

          Für den Juni 2022 wird John Nelson wieder in Straßburg erwartet, dann mit Berlioz’ Symphonie dramatique „Roméo et Juliette“, deren sublime Liebesmusik er, wie er gesteht, besonders liebt. Heute, am Nikolaustag, wird er achtzig Jahre alt.

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