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Zum 70. von Reinhild Hoffmann : Meisterin der Reduktion

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Reinhild Hoffmann im Berliner Schillertheater Bild: picture alliance / dpa

Die eigene Bewegung, ein Ball und ein Roller aus Holz: Diese Elemente reichen ihr für ein treffendes Selbstporträt. Zum siebzigsten Geburtstag der Choreografin und Regisseurin Reinhild Hoffmann.

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          Dreimal waren Tanztheaterinszenierungen von Reinhild Hoffmann zum Theatertreffen eingeladen: 1983 „Könige und Königinnen“, im Jahr darauf „Callas“ und 1986 „Föhn“. „Könige und Königinnen“, das Stück über royale Regenten, war Märchen, Allegorie und eine bildmächtige Erzählung, die von Herrschaft, Macht und der Einsamkeit ganz oben handelte. „Callas“ untersuchte mit nicht minder schönen Szenen die Widersprüche und Wechselbeziehungen zwischen künstlerischer Meisterschaft, Bühnenpersönlichkeit und Privatperson am Beispiel der legendären Sängerin. „Föhn“ schließlich, für ein großes Ensemble geschaffen, das in gesellschaftstanzähnlichen Formationen nach ungewöhnlichen Bildern für das im Umbruch befindliche Verhältnis der Geschlechter zu einander suchte, hieß so wegen der gereizten Stimmung zwischen Männern und Frauen.

          Das Tanztheater als Wettervorhersage der Gesellschaft: so wurde es in den achtziger Jahren richtig populär. Zehn Jahre nach „Fritz“, dem ersten eigentlichen Tanztheaterabend von Pina Bausch in Wuppertal, arbeiteten an allen deutschen Stadttheatern, die etwas auf sich hielten, Tanztheaterchoreographen. In Essen natürlich, wo die Folkwang-Hochschule den tänzerischen, tanzpädagogischen und choreographischen Nachwuchs im Geist von Kurt Jooss erzog, und das Folkwang-Tanzstudio den Absolventen eine erste professionelle Plattform bot, aber auch in Frankfurt, in München, Heidelberg oder Münster, in Bremen, Hamburg oder Osnabrück.

          Ein getanztes Selbstbildnis

          Heute sprechen alle nur noch vom Tanztheater Wuppertal, aber damals ging die Aufzählung bedeutender deutscher Tanztheaterchoreographen weiter - neben Pina Bausch wurden Susanne Linke und Gerhard Bohner genannt, Johann Kresnik und - Reinhild Hoffmann. Im Unterschied zu Pina Bausch, die das Interesse an tänzerischer Bewegung nie ganz verlor, verabschiedete sich Hoffmann in den späten neunziger Jahren vom Choreographieren. Seitdem hat sie sich einen Namen als Opern- und Musiktheaterregisseurin gemacht, die sich besonders der modernen und zeitgenössischen Musik verpflichtet fühlt.

          Noch zwei Mal faszinierte sie in den neunziger Jahren mit tänzerischen Arbeiten. 1995 hatte sie die Arbeit mit dem „Tanztheater Reinhild Hofmann“ am Schauspielhaus Bochum beendet, nach zwei Jahrzehnten der Integration in ein Stadttheatersystem, in dem der Tanz noch erheblich größere Selbstbestimmungskämpfe auszufechten hatte als heute. Befreit von den Verantwortlichkeiten als Direktorin, schuf sie das von ihr selbst getanzte Solo „Vor Ort“, 1997 in Berlin uraufgeführt.

          Hier spürte man wieder die große Begabung Hoffmanns, mit Licht, wenigen Bühnenbildelementen und ungewöhnlichen Requisiten - einem Medizinball und einem hölzernen Roller - eine abstrakte Szenerie zu erschaffen, Raum für ein Selbstporträt als Künstlerin der Reduktion. 1999 entstand mit Susanne Linke das Doppelporträt „Über Kreuz“, ähnlich abstrakt, in dem die beiden charismatischen Bühnenpersönlichkeiten ihre künstlerischen Lebenswege nachzeichneten und markierten, wo sich diese gekreuzt hatten. An „Über Kreuz“ ließ sich studieren, aus welcher großen Tradition des expressionistischen deutschen Tanzes das Tanztheater entstanden war und in welche zeitgemäße Form man diese frühen Vorbilder überführen konnte.

          Als sie geboren wurde, 1943, war das Ende des Zweiten Weltkriegs noch furchtbar weit. Ihr Geburtsort, Sorau in der Niederlausitz, gehört heute zu Polen. Sie konnte noch nicht sprechen, als ihre Familie mit dem Kleinkind Reinhild nach Süddeutschland umzog. Wie vor ihr Gerhard Bohner und nach ihr Sasha Waltz, besuchte sie eine Ballettschule in Karlsruhe. Kurt Jooss leitete die Tanzabteilung der Folkwang-Hochschule, wo sie 1970 das Examen als Tanzpädagogin ablegte.

          Ersten tänzerischen Engagements bei den Schwetzinger und Salzburger Festspielen folgten zwei Jahre in Johann Kresniks Bremer Tanztheater. 1975 teilte sie sich für zwei Jahre die Leitung des Folkwang-Tanzstudios und von 1978 bis 1981 mit Gerhard Bohner die Direktion des Bremer Tanztheaters, wo sie bis 1986 allein weitermachte, um dann bis 1995 in Bochum zu bleiben. Am 1. November wird Reinhild Hoffmann, die ihr erstes Stück „Trio“ 1975 zu Musik von György Ligeti choreographierte, siebzig Jahre alt.

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