https://www.faz.net/-gqz-9yx9z

Franz Lehárs 150. Geburtstag : Lippen schweigen, flüstern Geigen

  • -Aktualisiert am

Vielleicht schwärmte sie auch für Tenöre, die seine Arien sangen: Franz Lehár hilft der Schauspielerin Hedy Lamarr aus dem Pelz, im Wien des Jahres 1929. Bild: Bridgeman Images

Der mit der Operette am Pranger steht: Anmerkungen zum hundertfünfzigsten Geburtstag des Komponisten Franz Lehár, dessen Werk meist in falsche Hände geriet.

          5 Min.

          Seltsam ist es, dass über dem Namen des Komponisten, dessen Meisterwerk in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an die dreihunderttausend Aufführungen erlebte, im Jahr seines 150. Geburtstags – am 30. April – geradezu der Mantel des Schweigens liegt: Franz Lehár. Gewiss, es gibt, seit Jahren schon, das Lehár-Festival in seinem langjährigen Wohnort Bad Ischl. Es gibt, bei Warner, eine Nostalgie-Box von fünf CDs mit alten Aufnahmen der fünfziger bis siebziger Jahre. Aber Mühen einer Neubewertung Lehárs, geistige Anstrengungen, das Leichte ernst zu nehmen, sind nicht zu erkennen.

          Die Zeit, in der der Autor Lehár erstmals begegnete, war die eines jugendlich-naiven Enthusiasmus für „Lippen schweigen“ oder „Immer nur Lächeln“ und für Rudolf Schock, der – „Du bist die Welt für mich“ – als Richard Tauber auf der Leinwand erschien. In den sechziger Jahren kam Lehár auf die Anklagebank; die zu seiner Zeit überhörten Kritiker wurden erneut gegen ihn in Stellung gebracht: Karl Kraus, der mit seiner in Vitriol getauchten Feder gegen die „Gehirnschande“ der Wiener Operette des sogenannten silbernen Zeitalters giftete; Ernst Bloch, der wider die Figur des Goethe in Lehárs Operette „Friederike“ zu Felde zog; Kurt Tucholsky, der 1931 nach einem Konzert, in dem er Lehár am Klavier erlebt hatte, lapidar sagte: „Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Lehár ist dem kleinen Mann sein Puccini.“ Selbst sein Hauptwerk, „Die lustige Witwe“, kehrt nur dann und wann als schöne Erinnerung auf die Bühnen zurück – meist in mürbe-melancholischen Inszenierungen ohne den Glamour von einst.

          Der große Wendepunkt

          Franz Lehár, Sohn eines k. u. k. Militärkapellmeisters, studierte am Prager Konservatorium, unter anderem bei Dvořák, begann als Kapellmeister, organisierte Konzerte, erteilte Gesangs- und Geigenunterricht, arrangierte klassische Partituren für Militärkapellen und schrieb fließbandschnell Musik für den Tagesbedarf: Märsche, Walzer und Lieder. In den ersten zehn Jahren seiner Laufbahn belieferte er Bühnen in Leipzig, Brünn und Wien mit Operetten im mondänen Salon-Ton und mit Anleihen an die Folklore magyarischer Regionen. Das Jahr 1905 brachte den großen Wendepunkt: die Uraufführung der „lustigen Witwe“ am 30. Dezember im Theater an der Wien, zwanzig Tage nach der Uraufführung von Richard Strauss’ „Salome“ in Dresden.

          Viktor Léon und Leo Stein hatten auf Grundlage von „L’Attaché d’ambassade“ von Henri Meilhac, des Offenbach-Librettisten, ein blitzgescheites, durchaus modern feministisches Libretto geschrieben: über die Irrungen und Wirrungen der Liebe im Absurdistan einer imaginären Staats- und einer irrealen Lebenswelt, in der pontevedrischen Gesandtschaft und im Palais der Hanna Glawari, die, gerade verwitwet, mit ihren ererbten Millionen ihr Vaterland retten soll, durch die Heirat mit dem Hallodri Danilo, dem einstigen Verehrer.

          Die Verschmelzung dreier musikalischer und sprachlicher Idiome, von Mazurka, Polonaise und Kolo gegen Valse lente, Galopp und Cancan, von Märschen und Walzern und das orchestrale Farbenspiel haben unwiderstehlichen Zauber. Und Sehnsuchtsmelodien wie das Vilja-Lied oder „Lippen schweigen“ sind auf den Festplatten der Erinnerungen gespeichert.

          Das Werk hat die Leichtigkeit, die Hugo von Hofmannsthal offenbar an Richard Strauss vermisste. „Gott, wie schön wäre es“, sagte er gegenüber Alma Mahler, „wenn Lehár doch die Musik zum ,Rosenkavalier’ gemacht hätte statt Richard Strauss.“ Für den „Rosenkavalier“ hatte er sich eine Musik im transparenten Offenbach’schen Stil gewünscht, bei dem die Stimmen nicht mit „dicker Musik ganz zugedeckt werden und damit die Intention des Textes zunichte gemacht wird“, schrieb er in einem nicht abgeschickten Brief an Strauss vom 11. Juni 1916.

          Eine Musik also für eine genialische Diseuse wie Fritzi Massary, deren Spiel und Gesang Alfred Polgar als „musikalisch-erotisches Gesamtkunstwerk“ bewunderte. Sie war es, die der „lustigen Witwe“ in Berlin den stärksten Erfolg der Aufführungsgeschichte sicherte. Für eine Sängerin wie sie und für eine Kunst wie die ihre hat Lehár später nicht mehr geschrieben. Er entschied sich, dem „kleinen Mann sein Puccini“ zu werden – mit Hilfe eines Tenors.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Executive Orders“ : Bidens radikale Abkehr von Trumps Kurs

          Der neue amerikanische Präsident ordnet schon kurz nach Amtsantritt eine Rückkehr der Vereinigten Staaten zum Pariser Klimaabkommen und zur WHO an. Auch hebt er Einreiseverbote auf und stoppt den Mauerbau zu Mexiko. Insgesamt unterschreibt er 17 Dekrete.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 20. Januar in Berlin

          Grenzkontrollen in der EU : Brüssel hat Merkels Warnschuss gehört

          Die Bundeskanzlerin droht angesichts der schnellen Verbreitung der neuen Virusvariante mit Grenzkontrollen. Sie will in der EU eine Testpflicht für Pendler aus Hochrisikogebieten durchsetzen. Diese Gebiete müssten aber erst einmal definiert werden.

          Nawalnyjs Blockbuster : Der Held kämpft in der Zelle

          Am orthodoxen Epiphaniasfest taucht auch Putin im Eiswasser unter, wie es Gläubige tun, um ihre Sünden abzuwaschen. Ist die Farbe seiner Badehose eine Anspielung auf Alexej Nawalnyj? Der Kremlkritiker inszeniert einen lebensgefährlichen Blockbuster.
          Die Burg Hohenzollern bei Bisingen (Baden-Württemberg)

          Hohenzollern-Ansprüche : Freispruch oder Klage

          Eigentlich ganz einfach: Der Kulturausschuss in Potsdam berät über die Hohenzollern-Ansprüche. Doch während die einen zum Verhandlungsstand vom Dezember 2018 zurückkehren wollen, haben andere genug vom Reden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.