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Stuttgart: Hänsel und Gretel : Zukunftslose Süße des Jetzt

Fescher Feger: Rosie Aldridge als Rosina Leckermaul. Bild: Matthias Baus

Wie Überflussgesellschaft unsere Lebensgrundlagen zerstört: Axel Ranisch inszeniert an der Staatsoper Stuttgart Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“.

          3 Min.

          Man kann nicht nach Stuttgart kommen und an der dortigen Staatsoper Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ sehen, ohne sich zu fragen: Was machen eigentlich Ariane Gatesi und David Niyomugabo? Die beiden Kinder waren vor fünf Jahren vom Team um den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow in Ruanda aus intakten Familien ohne Hunger und Armut ausgewählt worden, um das Bild der Europäer von Afrika als dem Kontinent von Hunger und Armut zu bekräftigen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Beide Kinder waren Protagonisten eines Films als wichtigem, wenn nicht zentralem Bestandteil von Serebren­nikows Inszenierung von „Hänsel und Gretel“, einer Inszenierung, die der Regisseur wegen des gegen ihn verhängten Hausarrestes nicht vollenden konnte. Die Leitung des Hauses um Jossi Wieler und Sergio Morabito sagte Serebrennikow die Vollendung seiner Inszenierung zu, sobald er die Gelegenheit dazu habe. Vor der Premiere forderten Podiumsdiskussionen und „Free-Kirill“-T-Shirts uneingeschränkte Solidarität mit Serebrennikow. Die beiden ruandischen Kinder, die sich beim Schlussapplaus in Stuttgart an der Rampe glücklich verbeugt hatten, wurden danach wieder nach Ruanda geschickt. Sie hatten ihre Schuldigkeit getan; sie konnten gehen.

          Obwohl Serebrennikow, dem Hausarrest zum Trotz, in den vergangenen Jahren mancherlei Inszenierungen in Deutschland und der Schweiz, gern auch – wie bei „Nabucco“ in Hamburg – mit „echten Flüchtlingen“ auf die Bühne gebracht hat, scheint der Ehrgeiz der Vollendung in Stuttgart ir­gendwie erloschen zu sein. Fortgesetzt wurde die Arbeit daran nicht. David Niyomugabo, der Hänsel, hatte in einem Dokumentarfilm von Hanna Fischer gesagt, dass er nach Deutschland kommen dürfe, sei eine gottgegebene Chance. Geb’s Gott, dass sie ihm gutgetan habe.

          Der neue Stuttgarter Intendant Viktor Schoner hat offenbar ziemlich schnell gespürt, wie hochproblematisch Serebrennikows Vorgehen und die ganzen Begleitumstände dieser Inszenierung waren. Und so hat er Axel Ranisch nach dessen umwerfendem Stuttgarter Regie-Einstand mit Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ dafür gewinnen können, nur viereinhalb Jahre nach Serebrennikow „Hänsel und Gretel“ neu zu inszenieren.

          Ranisch, mit der Klugheit des Herzens und der Gabe des Lachens gesegnet, hat „Hänsel und Gretel“ zunächst einmal als das ernstgenommen, was die Oper auch ist: ein Familienstück, das Bruder und Schwester – Engelbert Humperdinck und seine Librettistin Adelheid Wette – über Bruder und Schwester geschrieben haben, wobei die Familie selbst als Urform der Solidargemeinschaft erscheint. Man steht einander bei, um miteinander zu überleben. Und diese Überlebensbedingungen sind so hart, dass sie über das Märchen hinaus zu denken geben, ohne einem den Spaß daran gänzlich zu vermiesen.

          Während die Dirigentin Alevtina Ioffe im Vorspiel die ganze Klangschönheit des Stuttgarter Staatsorchesters aufblühen lässt, völlig frei von jeglichen Härten, führt uns ein Video von Philipp Contag-Lada in den schönen deutschen Wald, der immer unschöner wird: Fässer mit Giftmüll, illegal entsorgt, liegen im Moos; Tiere fliehen, es brennt. Am Ende des Vorspiels sehen wir eine gespenstisch kahle Landschaft, die etwa dem heutigen Südhang des Brockens sehr ähnlich sieht.

          Hänsel und Gretel im Hause Besenbinder sind Kabelbinder geworden, die Müllreste aufbereiten. Ihre Eltern zählen zum Prekariat einer Niedriglohn-Leistungsgesellschaft, in der auch mehrere Jobs nicht ausreichen, um eine Familie zu ernähren. Wir begreifen später, dass die Wohnlandschaft zwischen Luken und Schloten das Dach des Süßwarenkonzerns „Leckermaul“ ist, der in einer großen, eindrucksvollen Maschine Kinder zu Drops verarbeitet. Die Konzernchefin Rosina ist ein fescher Feger: Die Hexe trägt Prada (Kostüme: Albert Mayerhofer). Sie ist in allem das Gegenbild des Luxus zur Armut der Familie Besenbinder.

          Und sie singt mit dem honigsüßen Mezzosopran von Rosie Aldridge völlig anders als die üblichen Scharteken vom Dienst. Josefin Feiler als Gretel und Ida Ränzlöv als Hänsel erfreuen nicht nur mit jugendlich hellen, sondern zugleich erstaunlich kraftvollen Stimmen, die schon in der ersten Szene ausgezeichnet über das Orchester dringen, was für ein kindliches Publikum Grundvoraussetzung ist, der Musik überhaupt folgen zu wollen. Kraftvoll, aber schlank, sauber und zugleich gütig singt Shigeo Ishino den Vater. Catriona Smith gibt der Mutter auch die Farben der Not: abgehärmt, verbittert, von der Rackerei bis auf die Knochen durchgeschmerzt singt sie die Frau, die mit dem Leben nicht mehr klarkommt. Claudia Muschio als Sand- und Taumännchen singt nicht nur glockenklar und freundlich; sie darf im Müll des Waldes auch wundersame Pilze finden, die wie die blaue Blume der Romantik leuchten. Saskia Wunsch hat für den Morgentraum einen besonders schönen Bühnenhintergrund entworfen: eine kahle Eiche wie auf einer Sepiazeichnung des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Sie glänzt, funkelt und lässt wie ein Traumzauberbaum ihren Flechtenbelag leuchten.

          Ranisch bekennt sich zum Märchen und zur Romantik im vollen Bewusstsein gegenwärtiger Naturzerstörung. Er setzt Glanz und Elend unseres Wirtschaftssystems in Bezug und findet mit den Kindern, die in Luxusgüter verwandelt werden, ein treffendes Symbol dafür, wie die Überflussgesellschaft unsere Zukunft vernichtet. So gelingt ihm das Wunder, durch Bezauberung aufzuklären.

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