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Zürich : Die Revolution küßt ihre Kinder

  • -Aktualisiert am

Wie wunderbarlich ist nicht dieser Brave: Christoph Marthaler Bild: KEYSTONE

Mit "O. T. Eine Ersatzpassion", Christoph Marthalers Abschiedsinszenierung in Zürich, zeigt sich der Regisseur nicht als welt- und theaterzerstörender Chaot, sondern als welt- und theaterverdichtender Romantiker.

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          Zuletzt hing in diesem Bühnenraum eine Wirtshausleuchtreklame: "Zur letzten Partie". Und müde Alt-SPD-Ortsvereinler hatten in den Ringelpullis der siebziger Jahre die Revolution von 1789 beerdigt und sind dann mit Gillette-Einwegrasierern harmlos guillotiniert worden. Nach und nach wurden damals die Vereinstische, -bänke, -holzssäulen abgebaut, war der Raum vom Hausmeister besenrein gefegt worden: weg mit Danton, Saint Just, Lacroix, Desmoulin, Robespierre und den anderen.

          Die unendliche Langeweile aber und der anekdotische Trübsinn dieses Revolutionskehraus waren durch keinen Besen wegzukehren: Die Revolution verschnarcht ihre Kinder. Und das einzige Aufregende in dieser "Danton"-Inszenierung Christoph Marthalers, seiner vorletzten in Zürich, geschah, als ein Flügel sich selbständig machte und in Richtung Rampe rollte. Den Schrecken der Weltgeschichte kriegt ein Marthaler nie auf seine Inszenierungsrolle - wohl aber den Wahnsinn, der aus dem Klavier kommt.

          Ein Drama, das alle Worte übersteigt

          Jetzt, in "O. T. Eine Ersatzpassion", Marthalers Abschiedsinszenierung "ohne Titel" in Zürich, ist der "Danton"-Raum, den er einfach noch einmal bespielt, total leer; selbst der Tresen mit dem "Letzte-Partie"-Leuchtglaskasten fehlt. Nur noch die "Napoleon"-Cognac-Reklame über der Tür neben dem Küchenaufzug ist übrig: das Erbe der Revolution als Schnaps für einen höherprozentigen kaiserlichen Diktator. Büchner und das Drama der Geschichte und die vielen Wörter und Sätze, mit denen Marthaler nichts anzufangen wußte, sind gegangen.

          Die Welt und das Theater sind wüst, leer und unschuldig wie am ersten Tag. Es fällt an diesem Abend kein Wort. Es sei denn, es würde gesungen. Die alten, bösen, traurigen, süßleidigen, herz- und liebzerreißenden Lieder ersetzen die Welt und das Theater. Machen aber ein Drama, das alle Worte übersteigt. Leiden und Leidenschaft gehen darin witzig ineinander über, aber nicht ineinander auf: "Passion" im Doppelwortsinn füllt den leeren Geschichtsraum.

          Wer eine leere Welt neu einrichtet

          Rechts hinten ein Klavier, völlig in Klarsichtfolie verpackt; links hinten noch so ein verpacktes Klavier, dazwischen vor einer Nische, in der eine Plüscheule und ein Plüschbärchen magisch leuchten, eine Hammondorgel, an der Clemens Sienknecht, ein Pianist, der ausschaut, als habe Nosferatu ihm die Haare rasiert und Fielmann ihm die Brille geschenkt, in unendlichen Schleifen den Eingangschor der Matthäus-Passion von Bach durch alle Register schlenzt, während zwei Herren, die früher einmal Danton und Lacroix waren, aber jetzt Teppichverleger sind, versuchen, eine riesige Auslegeware zu entrollen. Ueli Jäggi (früher Lacroix) und Robert Hunger-Bühler (früher Danton) glotzen durch dicke Hornbrillen unterm Toupet, verheddern sich mit den Beinen in der Teppichrolle, die sich obszön zwischen ihren Beinen aufrichtet und der sie einen gnadenlosen tänzerischen Krampfkampf liefern, während Bachs Chor "Kommt ihr Töchter, helft mir klagen" über sie höhnisch hinwegfegt.

          Schließlich kriecht Hunger-Bühler unter den Teppich, der grelle Orange-Blüten auf hellblauem Grund zeigt. Jäggi tappt vernichtungslustig auf Hunger-Bühler drauf, nachdem er aus einer großen Vase getrunken und dort eine tote Maus herausgefischt hatte: Wer eine leere Welt neu einrichtet, muß nehmen, was er kriegt. Und wissen, was er daraus macht. Die Restauration nach der Revolution verlangt mehr Phantasie als die Revolution nach dem Ancien régime.

          Aus der Kitschoberfläche in die Tiefe einer Passion

          Die Einrichtung des leeren Raums der Geschichte wird zur Komödie von Künftigen, die ihre Vergangenheit noch vor sich haben: So bedenkt die Revolution ihre wahren Kinder - mit dem Kuß des Vergessens. Weshalb sie sich wie urkomische Verrückte, Haltlose, Tollträumer und Wachschlafwandler benehmen. Zum Beispiel die beiden Damen in den großen, grünen Reifröcken: Rosemarie Hardy in der Maske und Duttfrisur der älteren, Katja Kolm in den Ringellöckchen der jüngeren Clara Schumann. Sie tragen Weihnachtsbäume, mit denen die ältere, oder giftgrüne Schlangen, mit denen die jüngere spielt. Das Biedermeier-Paradies, das nach der Revolution ausbricht, treibt ("Ich stand in dunklen Träumen") die träumerisch verzweifelten Lieder der Clara Schumann, die hier gesungen werden, aus der Kitschoberfläche in die Tiefe einer Passion, in der keine Revolution mehr etwas umstürzen kann, weil alles so in Gefühlsscherben liegt.

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