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Zürcher Theaterspektakel : Alle Traurigkeit wird vorüber sein

  • -Aktualisiert am

Tim Etchells Installation «The Show», zu sehen im Rahmen des Züricher Theaterspektakels Bild: Foto Philip Schaub

Wenn Zuschauer unter dem Diktat des Virus zu geheimen Agenten werden und die Umwelt eine Bühne wird: Eindrücke vom Zürcher Theaterspektakel 2020.

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          Die Show soll nicht, darf nicht weitergehen – so leuchtet es am westlichen Ufer des Zürichsees in zwei Meter hohen Buchstaben der Limmatstadt entgegen. „The show must not go on“, das wird als Chiffre des diesjährigen Zürcher Theaterspektakels – eines der wichtigen europȁischen Sommerfestivals mit zeitgenössischen Formen darstellender Kunst – übrigbleiben, kein Theater, sondern eine Installation des britischen Performance-Künstlers Tim Etchells, in der das Festival seinen Platz in der weltpolitischen Lage gefunden zu haben scheint. Etwas zu seicht freilich bahnt es sich seinen Weg dorthin: Verstanden wird der Satz gemäß Programmheft „als lautstarker öffentlicher Aufruf zu einer gesellschaftlichen Pause, zu kritischem Nachdenken und politischer Veränderung“. Etchells selbst erinnert an „globale und lokale Ungerechtigkeiten“ in Zeiten von Covid-19, an „Black Lives Matter“, den Klimawandel – und vor lauter Gegenwartsrelevanz entgeht einem das Wesentliche, nämlich die Show.

          Dort, wo Etchells’ Billboard prangt, auf der Landiwiese, findet nämlich gleichwohl Theater statt. Gegeben wird Normalität. Überfüllt von Hunderten von Badegästen, sämtlich masken- wie abstandslos, öffnet sich dem Betrachter hier Tag für Tag eine reale Bühne, die dem öffentlichen Diskurs völlig entzogen scheint. Keine Zäsur. Alles geht einfach weiter, wie jeden Sommer. Die Regieanweisungen bleiben ungelesen, die Souffleusen ungehört. Und so wird man Zeuge einer eigentümlichen Verkehrung: Die Demokratisierung und Entgrenzung des Theaterraums, wie sie das postdramatische Theater immer weiter vorangetrieben hatte, stößt auf einmal an ihre Grenzen. In auffälliger Weise erweist sich in Zürich das Übergreifen der Inszenierung in den öffentlichen Raum auf einmal nicht mehr als eine Auflösung, sondern vielmehr als die Durchsetzung von Regeln. Regeln, die das Virus diktiert.

          Entgrenzung des Theaterraums

          Nur an wenigen Orten wird die Realität der Seuche so konsequent in Handlungsanweisungen übersetzt wie hier. Paradigmatisch gilt das etwa für Yan Duyvendaks Pandemiesimulation „Virus“, die mittlerweile auch in Deutschland angekommen ist. Die Versuchsanordnung, das Publikum im partizipativen Spiel durch Krisenszenarien zu bewegen, die am Ende in vier Zukunftsentwürfe auslaufen, mag in futurologischer Hinsicht fraglos antiquiert erscheinen. Hochrelevant ist hingegen die performative Aussage des Stücks: In der Aktionshalle der Roten Fabrik – hier wird in Zürich gespielt – begreifen die Zuschauer, dass sie keine Zuschauer mehr sind, sondern samt und sonders Agenten. Sie nehmen die virale Bedrohung in sich auf, suchen ihre Rolle und ihr Kostüm, spielen Staat. Der Reiz dieser Inszenierung liegt in der Erkenntnis, dass das Theater diesseits des Spielraums, auf den Straßen, an den Badeufern, in der Tram fortbesteht. Corona hat die „Bevölkerung“ zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf die Bühne gestellt, sie in einen maskierten Chor verwandelt, Regieanweisungen erteilt. Der Ausgang des Spiels mag ungewiss bleiben und die Komplexität von gesellschaftspolitischen Checklisten (viele/nicht ganz so viele Opfer, Kapitalismus ja/nein, Diktatur/Demokratie/Anarchie et cetera) mit Sicherheit übersteigen. Darauf kommt es nicht an. Im Zentrum steht in Zürich etwas viel Bedeutenderes, nämlich die Einsicht in die Unhintergehbarkeit theatralen Denkens, zu der uns Covid-19 zwingt. Noch zwei Stunden an diesen Gestaden, und diese Welt gehört wieder Hamlet: allerorten Tote, verantwortet durch eine gespenstische Erscheinung und einen Menschen, der das souveräne Handeln zugleich begehrt und fürchtet. Recht verstanden: Die Tragödie dieser Tage hat ihre Wurzeln in einer Gemeinschaft, die gezwungen wird, sich wieder tragisch zu begreifen, aber nicht mehr weiß, was eine Tragödie ist.

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