https://www.faz.net/-gqz-8eg6t

„Maskenball“ von Verdi : Schwebende Glücksmomente

Der Verschwörer Renato (George Petean) brütet Böses, unter Ballgästen (Chor der Bayerischen Staatsoper). Bild: Wilfried Hösl

Nach zehn Jahren kehrt Zubin Mehta an die Staatsoper München zurück.Den „Maskenball“ von Giuseppe Verdi dirigiert er mit traumhaften Sängern.

          3 Min.

          Zwischen dem grellen Flitter der Vergnügungssucht und den blauschwarzen Strudeln des Verhängnisses gibt es in der Oper „Un ballo in maschera“ von Giuseppe Verdi einen mittleren Bereich an Orchesterfarben, der ein ruhiges Glück beschreibt. Damit beginnt das Stück. Zubin Mehta am Pult des Bayerischen Staatsorchesters in München, hat den richtigen Sinn dafür: Nach den morgendlichen Vogelrufen von Oboe und Flöte geht die Musik nicht einfach los; sie weht, fast frei von Absichten und Zielen, herein wie ein Vorhang bei leichtem Wind.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die H-Dur-Melodie schwebt in milder Mittellage von zweistimmig geteilten Bratschen und Violoncelli, gestützt von Klarinetten und Fagotten. Dieses Glück des Schwebens ist es, das Riccardo, der Gouverneur von Boston, kennt und immer wieder sucht. Es ist ein riskantes Glück, weil es darauf vertraut, in der Haltlosigkeit Halt zu finden. Aber die Erfahrung des Glücks wird zum Motiv, es immer wieder zu erstreben. Und wenn Musiktheater aufklären will über die Kräfte, die zum Antrieb der Figuren werden, dann ist dieser Zauber Teil der Argumentation.

          Mehta stellt dichte szenische Anschlüsse her

          Sicher, Mehta kennt auch die zackigen Rhythmen des Operettengalopps, wenn die Gesellschaft – der virtuos agierende Chor der Bayerischen Staatsoper – sich amüsieren will. Und er lässt einen Tornado durch die Streicher fahren, wenn Amelia, die Geliebte Riccardos und Ehefrau von dessen bestem Freund Renato, nachts zum Stelldichein auf den Galgenberg kommt. Aber Amüsement und Angst allein sind als Verheißungen nicht attraktiv genug, um das Leben lebenswert zu finden. Und so fährt Mehta mit dem Orchester, es ist wie ein Wunder, auch im zweiten Bild des ersten Aktes unter die schier unübertrefflichen Stimmen von Anja Harteros (als Amelia), Piotr Beczała (als Riccardo) und Okka von der Damerau (als Wahrsagerin Ulrica) und trägt dieses Terzett, wie die Thermik einen Gleitflieger trägt, zur Sommerzeit am Tegelberg, hinter Schloss Neuschwanstein.

          Nach zehn Jahren kehrt Mehta mit Verdis „Maskenball“ an die Bayerische Staatsoper München zurück. Er war hier acht Jahre lang Generalmusikdirektor gewesen, von 1998 bis 2006, seine Bronzebüste steht im Rangfoyer links, neben der von Wolfgang Sawallisch. Mehta wird im April achtzig, den „Maskenball“ hatte er szenisch vorher noch nie gemacht. Aber er verfügt über große Erfahrungen als Verdi-Dirigent. Nicht, indem er die Musik klanglich aufkratzt, sondern indem er dichte szenische Anschlüsse herstellt, treibt er das Drama voran. Musikalisch werden die Verzögerungen an Höhepunkten oder Kadenzen zu Moratorien des Unerwartbaren, wo das Drama nicht mehr mechanisch abschnurrt. Besonders Beczała weiß diese Sekunden zu nutzen, er fordert sie manchmal dem Dirigenten sogar ab.

          Die Sänger der schwebenden Glücksmomente: Anja Harteros als Amiela und George Petean als Renato

          Musikalisch ist diese Aufführung ein Traum. Der Regisseur Johannes Erath, der im vergangenen Jahr eine vielbeachtete „Euryanthe“ in Frankfurt und einen bravourösen „Figaro“ in Dresden inszeniert hat, lässt sich bei diesem Münchner „Ballo“ freilich vom schlüssig erzählten Drama Verdis zu weit weg führen. Alles kreist um die traumwandlerische Schwebe des Menschen im Ungewissen. Man muss Erath zugutehalten, dass es die Musik ist, die ihn dazu verführt. Es sind genau diese klingenden Glücksmomente, jene Gleitflüge der Subjektivität im nachmetaphysischen Zeitalter, in dem einerseits Wahrsagerei gedeiht, andererseits Schicksal nur noch eine Schwundstufe der Vorsehung ist. Statt ein Drama der Eifersucht, der gescheiterten Ehe, der verfehlten Politik zu erzählen, malt Erath das entwicklungslose Stimmungsbild einer aus der Verankerung gerissenen Existenz.

          Sänger mit erlesenem Geschmack und hinreißender Präzision

          Er hat sich dazu von Heike Scheele ein herrliches Einheitsbühnenbild bauen lassen. Ein gigantischer Treppenkringel schwingt sich von der Decke auf den Boden, wo ein großes Doppelbett steht. An der Decke klebt eben jenes Bett noch einmal, aktweise mit verschiedenen Personen darin. Boden und Decke verhalten sich wie ein Spiegel, sind es aber nicht. Der Graphiker Maurits Cornelis Escher stand Pate bei diesem Spuk von falschen Symmetrien und von Stufen, die nirgendwo hinführen. Aber so eindrucksvoll das ist – ins Geschehen bringt es wenig Klarheit. Soll das Verhältnis von Prophezeiung und Erfüllung als Trug und Verzerrung beschrieben werden? Bilden sich alle Figuren ihr Leben nur ein? Welche politischen Verwerfungen dazu geführt haben, dass Samuel und Tom den Gouverneur beim Maskenball ermorden wollen, wird gar nicht erst untersucht.

          George Petean (Renato) und Sofia Fomina (Oscar) in Kostümen, die an die Zeit des frühen Tonfilms erinnern

          Die überwiegend in Schwarz und Weiß gehaltenen Kostüme von Gesine Völlm siedeln das Stück in der Zeit des frühen Tonfilms an. Auch das könnte durch die Zerrspiegel-Idee motiviert sein. Verdi schrieb „Un ballo in maschera“ 1859, als die Operette bereits der Oper Konkurrenz machte. Geschichtlich gespiegelt landete man dann in der Zeit, da der Revuefilm die Operette ablöste. So, wie man den „Maskenball“ als erste tragische Operette gelten lassen könnte, wäre Franz Lehárs „Land des Lächelns“ von 1929 eine letzte tragische Operette, bevor der Film das Geschäft von Weltflucht und Weltdeutung übernahm.

          Wo die Harteros mit ihrer innigen, höhensicheren Lyrik, von der Damerau mit einer monumentalen, farblich bis in den Baritonbereich hinabklaffenden Dramatik sowie George Petean als Renato mit einem jählings zur Gewalt sich wandelnden Phlegma für das tragische Moment einstehen, vertreten Beczała und Sofia Fomina als Page Oscar das Operettenhafte – mit einem erlesenen Geschmack und einer hinreißenden Präzision, die ihnen selbst wie dem Genre alle Ehre macht.

          Weitere Themen

          Roter Teppich für Kartoffeln

          John Miller in Berlin : Roter Teppich für Kartoffeln

          Komplexer Kitsch gegen die Krise: John Miller füllt den Schinkel Pavillon Berlin mit einer gold-braunen Installation. Es ist seine erste Rückschau in Deutschland.

          Topmeldungen

          Eine alarmierte Fresszelle, die sich Viren einverleibt.

          Ur-Immunsystem unter Verdacht : Gift gegen das Virus

          Unser Immunsystem ist der Schlüssel gegen Covid-19. Und das steckt voller Überraschungen. Jetzt ist sogar die „schmutzige Bombe“ unserer Abwehr als mögliche Rettung für Corona-Patienten im Spiel.
          Eine Aufnahme aus dem Jahr 2010 zeigt die roten Roben der Richter in Karlsruhe.

          NS-Vergangenheit von Richtern : Rote Roben, weiße Westen?

          Das Bundesverfassungsgericht will die Verflechtungen seiner ersten Richtergeneration mit dem nationalsozialistischen Regime erforschen lassen. Das ist überfällig – und eine gewaltige Herausforderung. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.