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Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“ : Interviews führt immer der Teufel

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Hat ein genaues Ohr für Untertöne: Die Schriftstellerin und Dramatikerin Yasmina Reza. Bild: dpa

Wer Dichter befragt, zwingt sie in die Hölle: „Ihre Version des Spiels“. Yasmina Reza macht in ihrem neuen Stück daraus ein großes Tribunal, die Uraufführung in Berlin ist eine tolle Komödie.

          Die Angeklagte steht unter schwerstem Verdacht. Die Anklage lautet: „Sie streben nach Erfolg, wie alle Autoren, Nathalie Oppenheim, aber Sie möchten ihn irgendwie rein, ohne Werbung, nicht einmal von Ihrer Seite. Das Werk soll sich mehr oder weniger von selbst durchsetzen. Das denken Sie.“ Und so wie in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters die kleine, aasige Teufelin in ihrem roten Kleid, ihrem streng gesteckten blonden Haarhelm, hochhackigen langen Erhabenheitsstiefeln und dem arroganzeitlen Süffisanzdauergrinsen die Anklage verliest, kann für die Angeklagte nur noch die Todesstrafe in Betracht kommen. Die Schauspielerin Katrin Wichmann spielt die Interview-Teufelin denn auch als eiskalt-schaumgeschlagene Staatsanwältin aller Talkshow-Höllen.

          Es geht eigentlich nur um ein Buch, das Nathalie Oppermann geschrieben hat und das den Titel „Das Land des Überdrusses“ trägt. Aber so wie die Angeklagte in ihrem schwarzweiß bedruckten kurzen Sünderinnenkleid reagiert, wie sie zuvor schon panisch an ihrem Brillen-Etui gefingert, in ihrer großen Handtasche genestelt, Wasser und Wein in sich hineingeschüttet, die Blumenvase vor ihr vom Tisch gefegt, hie und da wie von Furien des Überdrusses gehetzt den Raum verlassen hatte, ihrer Pein kaum durch kurze Wutschreie Herr wurde - geht es nicht nur um ein Buch, sondern um Leben oder Tod.

          Und die überwältigend raubtierhafte Lebenstrauerspielerin Corinna Harfouch lässt keinen furiosen Moment den geringsten Zweifel daran, dass ihre Schriftstellerin nicht um ihre Schrift, vielmehr um ihr Leben kämpft. Eine Königin Courage, die in ihre letzte große Schlacht zieht. Dass es auch ihre erste ist, denn sie gibt sonst keine Interviews, ist die groteske Pointe ihrer Tragödie.

          Dramatisch und komisch zugleich

          Es ist die dramatischste Situation, die sich denken lässt. Und die komischste zugleich. Die in ihrer Oberfläche das Tiefste versteckt und sozusagen unterm Boulevard die Schreckensgespenster tanzen lässt. Und dort, wo die Gespenster das Pflaster sprengen, entstehen diese geheimnisvollen Leerstellen, um die herum die Menschen droben ins Taumeln geraten. Das sind die Wunder-Stellen der französischen Dramatikerin Yasmina Reza.

          In ihrer „Kunst“ (1994) war diese Leerstelle ein großes weißes Bild, das die Freundschaft dreier Männer, in „Drei Mal Leben“ (2000) war es eine Abendeinladung, die das Leben zweier Paare, in ihrem „Spanischen Stück“ (2004) war es eine Theateraufführung, die das Schicksal einer Familie, und in ihrem „Gott des Gemetzels“ (2006) war es eine Kinderprügelei, die das Leben vernünftiger Erwachsener in einen Vernichtungsstrudel zog. Harmlose Anlässe - dramatisch gewitzte Folgen. Die Kunst der großen Komödie.

          In ihrem neuen Stück, „Ihre Version des Spiels“, das jetzt der Regisseur Stephan Kimmig in Berlin zur Uraufführung gebracht hat, ist die Situation die allerharmloseste. Eine Dichterlesung in der französischen Provinz. Ein übereifriger Stadtbibliothekar namens Roland Boulanger, der heimlich auch Gedichte schreibt, hat sie arrangiert. Alexander Khuon spielt ihn als juvenil schüchternen, verklemmt stotternden, aber rosig erblühenden Höllenhund mit schwarzer Hornbrille unterm Wuschelkopf. Die berühmte Schriftstellerin wird von ihm und einer berühmten Kulturjournalistin befragt, Rosanna Ertel-Keval, die mit Julian Barnes, Philip Roth und António Lobo Antunes auf Duz- und Freundschaftsfuß steht und den internationalen Literaturbetrieb mit ihrer Fernsehsendung „Die Freunde meiner Nächte“ beherrscht.

          Schriftstellerin als Heldin des Anti-Betriebs

          Die Situation ist aber auch die allerabgründigste. Das Publikum (Höchstzahl 120) sitzt auf einem Tribünenhalbrund auf der Bühne. Die Schauspieler nehmen an drei Tischchen an der Rampe zum Zuschauerraum Platz. Hinter ihnen eine große Leinwand, auf die Corinna Harfouchs zerfurchtes Schriftstellerinnengesicht projiziert wird, wenn sie aus Nathalie Oppermanns Buch Passagen vorliest. Die Regie Stephan Kimmigs treibt gewaltigen Verdrehungsaufwand. Dreht aber auch sehr schön auf. Denn verhandelt wird hier nicht eine Dichterlesung. Verhandelt wird ein Gesetzesbruch.

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