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Clowns-Kongress in Jena : Wahrscheinlich sind Intellektuelle im Publikum

Wunderbaum hinterfragt beim „Clown-Kongress“ die Rolle des Narrens in der Gesellschaft. Bild: Theaterhaus Jena

Die Clowns sind in der Krise. Nur ein Lachen kann sie retten. Das Theaterkollektiv Wunderbaum eröffnet mit dem „Clowns-Kongress“ die Kulturarena in Jena.

          3 Min.

          Am Stock geht der Maestro über die Holzplanken der Manage. Sein Make-up ist verwischt. Der viel zu große Hut sitzt schief, und bevor die Performance beginnt, hustet der Clown ins Publikum. Von da an ist klar, hier sitzt ein Grandseigneur der Clownerie im Scheinwerferlicht. Die Ausbildung hat er am Piccolo Teatro di Milano absolviert. Er war ein „Arlecchino“ im goldenen Zeitalter, ist mit Oleg Popov in Moskau aufgetreten und hat mit dem „Circo Nationale“ Paris zum Beben gebracht. Doch das ist Vergangenheit. Mit italienischem Akzent und rauer Stimme sagt er: „Die Leute lachen nicht mehr so oft wie früher.“ Der Maestro, gespielt von Marleen Scholten, führt in diese Geschichte ein, „die nicht lustig ist“.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Jeder habe heute Angst vor Clowns, lautet die Prämisse dieses Theaterabends. Doch wie lässt sich die Krise der Clowns lösen, und braucht es die Narren eigentlich noch? Am Theaterhaus Jena lädt das deutsch-niederländische Theaterkollektiv Wunderbaum deswegen zum „Clowns-Kongress“. Doch die neun Clowns, die in dieser Tragikomödie zusammenkommen, sind keine normalen Clowns. Sie rauchen, trinken, sind vom Leben gezeichnet, zynisch und depressiv. Ihre Vorbilder sind der Horror-Clown und Serienkiller John Wayne Gacy oder Krusty, der Clown aus den Simpsons.

          Durch den Zirkusabend führt der Impresario Leonardo, gespielt von Matijs Jansen. Mit seiner giftgrünen Perücke und seinem Lederoutfit erinnert er an den Joker aus Batman. Seine Stimme ist verzerrt. Sobald das Publikum lacht, setzt er einen Revolverschuss ab und lacht grotesk. Dann kündigt er die Clowns an.

          Schon immer gab es die Harlekine im Kostüm

          Ihre Performances stünden jeweils für einen Aspekt unserer „wahnsinnigen“ Zeit – den Alkoholismus, die Liebe, die Digitalisierung und die Zukunft des Universums. Der erste Act beginnt. Die Bärendompteurin Gerda Schaumbacher, dargestellt von Pina Bergemann, jagt einen unsichtbaren Braunbären durch die Manege und versucht mit Wiener Schmäh, das Tier daran zu hindern, Menschen anzugreifen, was misslingt. „Nicht ernst genommen zu werden“, das sei das Beste an ihrer Existenz, sagt sie mit vereister Miene und lȁsst ihre Peitsche knallen. Danach tritt der Clown Clarabella auf, dargestellt von Wine Dierickx. Sie ist eine leidenschaftliche Französin, mit rotem Lippenstift und verschmierten Kajal, spezialisiert auf Kanonenkugel-Nummern. Ihr Geliebter unterbricht ihr Kunststück durch seine Anrufe. „Je fais mon truc, Marcel“, schluchzt sie ins Telefon und bricht zusammen.

          Die Bärendompteurin Gerda Schaumbacher (Pina Bergemann) setzt mit der Peitsche an und jagt den unsichtbaren Bären durch die Manege.
          Die Bärendompteurin Gerda Schaumbacher (Pina Bergemann) setzt mit der Peitsche an und jagt den unsichtbaren Bären durch die Manege. : Bild: Joachim Dette

          Das Theaterkollektiv erzählt zwischen den Acts auch von der Kulturgeschichte der Narrenwesen. Schon immer gab es die Harlekine im Kostüm, ob in den Komödien des antiken Griechenlands, in der Commedia dell’arte oder als Nebenfiguren bei Shakespeare. Sie sind dialektische Wesen, haben die Mächtigen der Lächerlichkeit preisgegeben und halten den Menschen den Spiegel vor. Während Clowns wie Oleg Popov die Clownerie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zur Kunstform machten, erhielt ihr Image durch die Populärkultur Brüche – der Clown wurde zum Monster.

          Entsprechend schillernd ist das Bühnenbild. Die Holzplanken biegen sich, der Manegenboden geht auseinander, der rote Samtvorhang schließt sich und fällt herunter. Von Act zu Act wird das Licht diffuser. Auch die Musik ist zunächst leise und melancholisch, um dann wieder laut und zirkushaft zu werden. Trompetensonaten und Beatbox-Rhythmen wechseln sich mit Sprechgesang von Joost Maaskant ab, der zum Kongress rappt.

          Der Maestro (Marleen Scholten) spielt ein leises Trompetensolo
          Der Maestro (Marleen Scholten) spielt ein leises Trompetensolo : Bild: Joachim Dette

          Wir müssen wissen, woher wir kommen

          Die nächste Nummer folgt. Walter Bart spielt den „Admiral“, einen gealterten bulgarischen Jongleur – den cholerischen Klaus Kinsky der Truppe, dessen Auftritte im Rausch des Alkohols obszön enden.

          Plötzlich entwickelt sich die Performance in eine Gruppentherapie. Das Publikum sei wie eine Eiswand, niemand lache, „wahrscheinlich Intellektuelle“, wirft ein Clown ein. „Geht es uns um das ausgiebige Lachen“ oder das „Lächeln, das den Menschen über seine Existenz nachdenken lässt“, fragt Leonardo. Was ist die Aufgabe von Clowns? „Die Performance muss wahrhaftig sein“, sagt Schaumberger. „Nein“, die Tradition sei wichtig, raunzt der Maestro. „Wir müssen wissen, woher wir kommen, um zu wissen, wer wir sind.“

          Die Clowns die in Jena auftreten sind vom Leben gezeichnet.
          Die Clowns die in Jena auftreten sind vom Leben gezeichnet. : Bild: Joachim Dette

          Dicknose, dargestellt von Maartje Remmers, ist die philosophischste Figur, die wüst das Publikum beschimpft und jede politische Meinung durch den Kakao zieht. Leon Pfannenmüller spielt mit dem Selbstmord-Clown Pepito den Antagonisten dazu. In seinen Nummern versucht er sich umzubringen. Er legt sich die Schlinge um den Hals, doch der Suizid misslingt, weil die Leiter zusammenbricht. Als er eine Lampe in das Planschbecken werfen will, in dem er badet, fliegt nur die Sicherung aus dem Kasten.

          Ein Wiedersehen mit liebevollen Charakteren

          Mit dem Episodenstück, das in diesem Jahr die Kulturarena in Jena eröffnet, meldet sich das fantastische Kollektiv Wunderbaum aus dem Lockdown zurück. Doch die Theatermacher waren auch während der Theaterschließung nicht untätig. Sie haben mit „Urlaub in Deutschland“ einen Theaterfilm produziert, der von den Abgründen des Urlaubs im eigenen Land erzählt und die deutsche Ferienkultur persifliert.

          Und doch ist es eine ungeheure Freude, die leidenschaftlichen Spieler auf der Bühne bei diesem Kongress der Freaks wiederzusehen. Ein Kongress, der immer wieder auch zu einem Clowns-Reenactment mit liebevollen Charakteren wird. „Wenn sie uns nicht wollen, dann machen wir es für uns selbst“ ist das Resümee der skurrilen Gruppentherapie. Und ganz zum Schluss vereinigen sich die Außenseiter in einem revolutionären Akt der Selbstfindung – „Wir waren immer Clowns, wir werden es immer bleiben.“

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