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Würzburger Opern-Affäre : Es begann wie eine Provinzposse

  • -Aktualisiert am

Jin Wang Bild: dpa

Mit dem neuen Generalmusikdirektor Jin Wang wollte die Stadt Würzburg sich eigentlich musikalisch in überregionalem Glanz sonnen. Doch jetzt wurde dem Schüler Leonard Bernsteins fristlos gekündigt - der Höhepunkt einer schwer entwirrbaren Opern-Affäre.

          Alles hätte so schön werden sollen: Da hatte man einen Schüler des großen Leonard Bernstein als Generalmusikdirektor ans heimische Opernhaus verpflichtet, auf dass er der Bühne zu überregionalem Glanz und künstlerischem Ansehen verhelfe. Doch das Gegenteil geschah. Inzwischen ist das Ansehen des Hauses, ja der Stadt in Mitleidenschaft gezogen worden, denn Schlagzeilen macht das Mainfranken Theater Würzburg in den letzten Wochen überwiegend durch eine Affäre.

          Sie trägt den Namen ebenjenes Generalmusikdirektors, mit dem sich anfangs in Würzburg so große Hoffnungen verbunden hatten. Mittlerweile jedoch ist dieser Jin Wang mit einem Hausverbot belegt worden, darf also weder das Büro noch seinen eigentlichen Arbeitsplatz, das Dirigentenpult im Theater, wieder betreten; in dieser Woche erfolgte als vorläufig letzter Höhepunkt die fristlose Kündigung von Seiten der Stadt. Längst wird in Würzburg nicht mehr miteinander geredet; in der Sache haben Anwälte und Gerichte das Wort übernommen. Im schlimmsten Fall werden am Ende freilich nur Beschädigte übrigbleiben.

          Nicht die vermeintlich Genötigte erhob Vorwürfe

          Wie konnte es dazu kommen? Die Frage ist schwerer zu beantworten, als es zunächst den Anschein hat. Der erste Akt des Dramas liest sich wie eine Provinzposse. Weil den Musikern des Würzburger Orchesters der Probenstil ihres Generalmusikdirektors missfiel, beschwerte sich der Orchestervorstand mit einem Schreiben an den Oberbürgermeister. Hatte Wang, getrieben von dem Vorsatz, das Niveau des Sechsundfünfzig-Mann-Orchesters zu heben, zu viel verlangt? War er einfach unbequem geworden? Oder hatte er tatsächlich einen derart despotischen Probenstil an den Tag gelegt, dass sich die Musiker dem Druck nicht mehr gewachsen fühlten?

          Diese Fragen wurden allerdings bald von einem weitaus schwerer wiegenden Vorwurf überlagert: Gegen Wang, den Chinesen mit österreichischem Pass, wurden Ermittlungen wegen „versuchter Nötigung mit sexuellem Hintergrund“ eingeleitet. Wang soll seine Position als Vorgesetzter gegenüber einer Würzburger Studentin, die als Aushilfe in seinem Orchester mitspielte, in unziemlicher Weise ausgenutzt haben. Das Überraschende daran war weniger, dass Wang die Vorwürfe bestritt; die Betroffene selbst soll eine langjährige Bekannte des Dirigenten sein und erhob keinerlei Vorwürfe gegen den GMD - die Staatsanwaltschaft war vielmehr durch die Stadt informiert worden.

          Systematische Bespitzelung des Dirigenten?

          Mit diesem Vorgang begann der zweite Akt des Dramas, das seither fast täglich neue Schlagzeilen liefert - und es begannen die gegenseitigen Vorhaltungen und Verdächtigungen. Sie entzündeten sich an einer Summe von fünftausend Euro, die Jin Wang angeblich im Zuge eines Täter-Opfer-Ausgleichs zur Verfahrenseinstellung an zwei Frauenhäuser zahlen wollte. Da dies als Schuldeingeständnis gewertet werden könnte, hat Wang unterdessen von einer Zahlung Abstand genommen. Doch durften Informationen über diese außergerichtliche Vereinbarung überhaupt an die Öffentlichkeit dringen? Wangs Hamburger Anwalt Gerhard Strate hat wegen der vermuteten Verletzung der Privatsphäre seines Mandanten inzwischen Strafanzeige gegen den Oberstaatsanwalt Clemens Lückemann erstattet. Er soll eine Akte über Wang an die Stadt weitergegeben haben.

          Auch die dortigen Verantwortlichen werden von verschiedenen Seiten mit Vorwürfen überzogen. Parallel zu der anstehenden arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung, die Wang von einer weiteren Anwältin führen lässt, sorgt eine eigens für den Dirigenten gegründete Soldaritätsinitiative für eine entsprechend eindeutig akzentuierte Begleitmusik. Deren Tenor lautet: Durch die bewusst in die Öffentlichkeit getragene Diskussion der brisanten Anschuldigungen gegen Wang sei dessen Ruf derart nachhaltig beschädigt worden, dass dies einem „lebenslangen Berufsverbot“ gleichkomme. In die vergiftete Atmosphäre passt auch, dass wiederum der Förderverein des Orchesters dem städtischen Kulturreferenten Muchtar al Ghusain eine systematische „Bespitzelung“ des Dirigenten vorhielt und bald Stimmen laut wurden, die sogar einen Rücktritt al Ghusains wegen „Kompetenzüberschreitungen“ forderten.

          Ein Zurück gibt es für die Stadtoberen nicht mehr

          Chancen auf eine Einigung scheinen in diesem Klima nicht mehr zu bestehen. Am Freitag lief eine der Stadt gesetzte Frist ab, um die Gründe für die fristlose Kündigung zu benennen. Es steht zu vermuten, dass die Stadt Würzburg den Verdacht der Nötigung um jeden Preis weiterverfolgen wird. Denn ein Zurück gibt es für die Stadtoberen nicht mehr: Nur wenn die Vorwürfe bewiesen werden, lässt sich das Vorgehen gegen Wang rechtfertigen. Sollten sie sich hingegen als falsch oder gar als vorgeschoben erweisen, drohten nicht nur empfindliche Schadenersatzforderungen - nahezu die gesamte involvierte Stadtspitze wäre in einer kaum je dagewesenen Weise blamiert.

          Wir erinnern uns: Im ersten Akt des Dramas ging es nur um einen missliebigen Dirigenten, der möglicherweise im Umgang mit seinen Musikern nicht immer die richtigen Töne traf. Aber über Kunst spricht in Würzburg zurzeit kaum jemand.

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