https://www.faz.net/-gqz-92dcr

„Woyzeck“ in Frankfurt : Ist doch egal

Im Schwitzkasten: Jana Schulz (links) als Woyzeck alias Marie. Bild: Arno Declair

Der Regisseur Roger Vontobel macht am Schauspiel Frankfurt aus Georg Büchners „Woyzeck“ das Mädchen Marie und nimmt auch sonst alles auseinander, was das Stück ausmacht: neunzig Minuten geistloses Gebrülle.

          1 Min.

          In Frankfurt überlegen sie gerade, das Theater abzureißen. Regisseur Roger Vontobel hat jetzt schon einmal angefangen. Er zeigt an Georg Büchners „Woyzeck“, was man alles damit machen kann. Franz Woyzeck, der verzweifelte Mädchenmörder, ist bei ihm selbst ein Mädchen. Das Mädchen wiederum, Marie, hat bei Büchner ihr gemeinsames Kind stets auf dem Arm oder dem Schoß und singt ihm Kinderlieder vor. Bei Vontobel schreit sie es zusammen, dafür singt das Kind romantisches Liedgut.

          Für ihren Verführer, den Tambourmajor, ist Marie bei Büchner ein „Weibsbild“ sondergleichen, bei Vontobel eine blass Verblühte mit Strickjacke, sein Major stammt aus der Abteilung Weißrusseninkasso. Wenn er über Maries „schwarz Haar“ außer sich gerät, fällt auf, dass sie bei Vontobel blond ist. Der Jahrmarkt, auf dem sie Woyzeck untreu wird, ist eine Disco, die Texte der Budenausrufer und Marktschreier werden vom Vorgesetzten Woyzecks gesprochen und vom Regimentsarzt.

          Das Tier, über das sie reden, soll hier Woyzeck selbst sein, bei Büchner ist es ein Pferd. Bei Büchner erzählt auch die Großmutter das Märchen von der toten Welt, worauf Woyzeck den Entschluss zum Mord fasst. Hier ersticht Woyzeck Marie, um ihr dann das Märchen zu erzählen.

          Ist doch egal, sagt die Inszenierung neunzig Minuten lang. Egal, dass Woyzeck Schweißtropfen auf der Stirn des Kindes sieht, wenn er fünf Meter von ihm entfernt ist und es mit dem Kopf nach unten liegt. Egal, dass die Schauspieler den Dialekt des Stückes nicht können, weswegen sie ihn mehr aufsagen als sprechen. Egal, dass man nur jedes dritte Wort versteht, wenn alle schreien und die Musik dröhnt. Text egal, Figuren egal, Sinn egal. Roger Vontobel hat an Georg Büchners „Woyzeck“ bewiesen, dass man das, wozu einem partout nichts einfällt, dann immer noch zerstören kann. Mit dem gestrichenen Gerichtsdiener möchte man sagen: „Wir haben schon lange so kein Mord gehabt.“

          Weitere Themen

          Unzüchtiges Satyrspiel

          Theaterserie: Gustav Wied : Unzüchtiges Satyrspiel

          Gewitzte Menschenliebe und unheilbarer Pessimismus: Gustav Wieds „2 x 2 = 5“ ist ein unbedingt wiederzuentdeckendes sarkastisches Lustspiel über einen #MeToo-fälligen Lehrer, lichtloser als jede Tragödie.

          Topmeldungen

          Brexit-Reaktionen in Brüssel : Demonstrative Gelassenheit

          Das nächste Brexit-Chaos in London? In Brüssel gibt EU-Ratspräsident Donald Tusk einen gelassenen Ton vor. Bis zur Entscheidung über das Verlängerungsschreiben werden wohl noch einige Tage vergehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.