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Wolfgang Rihm zum Sechzigsten : Er macht ja doch, was er will!

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Der Briefwechsel der beiden, der zu einem Teil im Basler Rihm-Archiv der Sacherstiftung aufbewahrt wird, zeigt, dass Stockhausen verschiedentlich bei seinem Ex-Schüler anklopfte, in der Annahme, er könne ihm nützlich sein. Und es kam vor, dass Stockhausen die Beunruhigung, die ihn angesichts der Publikumserfolge seines ehemaligen Schülers erfasste, nicht länger verbergen wollte und sich über die bequemen Orchester beklagte, die nichts anderes mehr aufführen wollten als ‚einfache‘ Sachen wie die von Rihm und Pärt, nicht mehr seine, Stockhausens Stücke.

Schalten und walten im musikalischen Kosmos

Für die futterneidischen unter den Komponisten, deren es ja stets viele gibt (was in Anbetracht der traditionellen Brotlosigkeit dieses Metiers sogar verständlich ist), wurde Stockhausens Rihm-Kritik zur gern zitierten Referenz. Bezeichnenderweise hat Rihm seinerseits im Gespräch mit anderen Komponisten immer wieder Stockhausens Partei ergriffen, zu unterschiedlichen Zeiten seiner Karriere. Vehement widerspricht er, zum Beispiel, Luca Lombardi, als der 1979 in einem Gespräch in der Villa Massimo darauf beharrt, Rihms heuristische Klangsinnlichkeit und Stockhausens prädisponierte Serialität kämen wohl von völlig verschiedenen, fremden Sternen, die nichts miteinander zu tun hätten. Rihm antwortet: Ja, gewiss, er, Rihm, mache vielleicht die „schmutzigere Musik“; doch habe er von Stockhausen viel gelernt: „Ich habe nicht nur Stücke geschrieben, in denen die Artikulation der Makroform von Anfang an determiniert war, sondern auch Stücke, wo der einzelne Moment wichtig wurde, von dem aus sich dann die vollständige Form erst entfaltete. Der Sinn für die Proportionen und die Dauern ist bei Stockhausen mehr als bei jedem anderen entwickelt. Auf der anderen Seite gibt es bei ihm immer ein Moment von Künstlichkeit, das Probleme auch für das Verständnis seiner Musik birgt. Wenn ich allerdings Stücke wie ‚Gruppen‘ oder ‚Inori‘ höre, bin ich tief berührt von der Kraft, die diese Musik hat und die, glaube ich, jeden erreicht.“

Ähnlich äußert sich Rihm später gegenüber Konrad Böhmer bei einem Gespräch in Hamburg, geführt Mitte der Achtziger. Als Böhmer, ebenfalls Stockhausen-Schüler (wie Lombardi und Rihm), seine persönlichen Erfahrungen verallgemeinert und meint, jeder junge Komponist müsse Stockhausen und dessen Ordnungsprinzipien fliehen, er „könne nur abhauen“, wolle er zu einem eignen Ausdruck finden, da entgegnet Rihm: „Abgehauen bin ich nicht, weil ich auch nicht gepilgert bin. Ich war einfach dort und konnte die riesige Anstrengung in mich aufnehmen, die für mich darin bestand, dass es weniger dieses Ordnungsstreben, sondern Stockhausens ‚Einschübe‘ waren, die mich in Bewegung setzten. Also genau jene Stellen, wo er merkt: ‚Da muss noch etwas hinein. Erlaubt es die Ordnung? Mir egal, ich setze da etwas hinein!‘ und er das auch tut. Da habe ich gesehen, dieser Mann schaltet und waltet im Material und in den Gegebenheiten des musikalischen Kosmos zwar nach einem Entwurf, aber er wirft den Entwurf dann auch um, wenn er selbst gefordert ist als der künstlerische Setzer.“ Diese Wortwahl verrät etwas über Rihm selbst, sie spricht subkutan auch von Identifikation.

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