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Wolfgang Rihm zum Sechzigsten : Er macht ja doch, was er will!

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Das gegenseitige Interesse zweier Kraftmenschen

Sicher hatte Stockhausen damit recht. Die meisten seiner Schüler kamen ohnehin nicht zu ihm nach Köln in der Absicht, sich handwerkliches Rüstzeug abzuholen, und das galt auch für Rihm: Seines Handwerks war er sich zu diesem Zeitpunkt schon sicher (wenn auch, frei nach Schumann, des Lernens kein Ende sein kann).

Aber Rihm war auch nicht, wie Vivier und einige andere, nach Köln gekommen, um sich an einem Idol emporzuranken, um als Jünger eine Art Identitätsfindungsprozess zu durchlaufen. Wer er ist, was er kann und will, darüber war sich Rihm schon relativ früh klar. An Stockhausen fasziniert ihn eher die von der seinen so gänzlich verschiedene Denk- und Arbeitsweise: das andere, Fremde. Dazu kommt das Interesse, das ein Kraftmensch naturgemäß für den anderen empfindet.

Stockhausen bezeichnete sich selbst gelegentlich als den Beethoven der Moderne. Er rechnet zu den Künstlern, die die Gesetze des Handelns für sich selbst immer wieder neu erfinden, und sein besonderes Charisma gründete sich auf die Idee der Unabhängigkeit, auf seinen Esprit, seinen Freiheitsdurst, seine Egomanie und seine Aggressivität, die man vielleicht besser rücksichtslose Ehrlichkeit nennen sollte. Rihm ist von ganz anderem Temperament. Er, der Wohlbehütete, das Glückskind, ausgestattet mit einem manchmal jähzornigen, aber im Prinzip doch versöhnlichen Naturell, begegnet der Außenwelt grundsätzlich nicht mit Schärfe und Abgrenzung, er kommt ihr freundlich entgegen - auch, wenn er mit Gegenliebe nicht allezeit rechnen kann.

Geschäftliche Beziehung mit esoterischen Anklängen

Es kann sein, dass Rihm bei seinem kurzen Ausflug in Stockhausens Welt hoffte oder ahnte, es müsse, bei allen Widersprüchen, doch eine gewisse Seelenverwandtschaft vorhanden sein. Unter dem Strich hat Rihm das Kölner Jahr aber nicht viel gebracht, jedenfalls nichts, was er sich nicht ebenso gut auch aus der Ferne und aus eigner Anschauung hätte erwerben können. Ein Blick ins Werkverzeichnis lehrt, dass der zuverlässige Kreativitätsfluss seines Komponierens in diesem Jahr ins Stocken kommt. Nach zwei Semestern ist Schluss. Rihm geht zurück in den Süden, nach Freiburg, der Freundin Andrea zuliebe, die dort an der Freiburger Uni Kunstgeschichte studiert.

Später hat sich Wolfgang Rihm immer wieder dankbar und mit Behagen an die Kölner Zeit erinnert. Der Kontakt zu Stockhausen blieb lebendig. Anfangs hat er ihn noch ab und zu besucht, außerdem traf man sich bei Aufführungen. Später wurde die Verbindung dünner, sporadischer, und in den Achtzigern, als Rihm etliche Ehrenämter und öffentliche Funktionen im Musikleben übernommen hatte und selbst zu einer Netzwerk-Adresse für Jüngere geworden war, nahm die Beziehung sogar geschäftliche Züge an. Rihm hielt eine emphatische Laudatio auf Stockhausen, als der 1986 in München den Ernst-von-Siemens-Musik-Preis bekam, eine Rede, die das distanzierte Verhältnis der beiden sehr schön spiegelt und sich doch konzentriert einlässt auf einige Stockhausensche Schlüsselstücke, von „Licht“ und „Mantra“ erzählt, von „Momente“ und „Tierkreis“.

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