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Wolfgang Rihm zum Sechzigsten : Er macht ja doch, was er will!

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Nur der Unterricht bei Stockhausen, der muss auf jeden Fall mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden. Er findet beim Meister zu Hause statt, 25 Kilometer außerhalb von Köln, in Kürten. Stockhausen unterrichtet nicht in der Musikhochschule, er empfängt die Studenten gruppenweise bei sich daheim, in seinem ihm in den Sechzigern von dem Architekten Erich Schneider-Wessling entworfenen Fluxus-Künstlerhaus aus Glas, Holz, Stahl und Beton.

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Der Meister erzählt etwas über seine Werke, die Schüler lauschen, die Haushälterin macht Tee und schmiert Brote für alle, vor dem Abendbrot wird gebetet. Es ist dies eine völlig andere Form von Unterricht, als ihn Rihm bisher bei Velte oder Fortner erfuhr. Fast ein Dutzend Musikstudenten aus aller Herren Ländern sind mit ihm in Kürten versammelt, darunter auch etliche, für die Stockhausen schon jetzt eine Art Heiliger ist. Rihm trifft hier auf die neuseeländische Komponistin Gillian Bibby, auf den späteren Musikwissenschaftler Wolfgang Grandjean und den kanadischen Komponisten Claude Vivier, der so früh und tragisch schon zehn Jahre später sterben sollte, ermordet von einem Pariser Strichjungen. Rihm erinnert sich, dass es immer lustig zuging, wenn er mit Vivier gemeinsam unterwegs war und sie über die Stücke sprachen, die sie gerade in Arbeit hatten. Vivier erklärte einmal in einer seiner skurrilen Selbstauskünfte, er, Vivier, sei dank Stockhausens kosmischer Kräfte überhaupt erst in diesem Jahr in Kürten neu geboren worden.

Rihm, das verlorene Schaf?

Der eigentliche Unterricht galt ausschließlich dem Œuvre Karlheinz Stockhausens, insbesondere einem Stück, dessen Uraufführung er gerade vorbereitete: die sogenannte „Europa-Version“ von „Momente“, das heißt, die um gut eine halbe Stunde erweiterte, große Version dieses Stückes, die dann am 8.Dezember 1972 in Bonn zur Aufführung kam. Stockhausens Studenten hatten freien Zugang zu allen Proben im Funkhaus des WDR, wovon Rihm auch fleißig Gebrauch machte, Stockhausen beim Selbstdirigieren von soeben Fertig-Komponiertem beobachtend, wobei ihm klar wurde, dass er selbst, Rihm, das Dirigieren gar nicht erst anfangen wollte. „Wann immer wir Lust hatten, konnten wir dabei sein. Da hat man enorm viel gelernt, über das Stück, über die Technik des Ablaufs, wie sich das alles zusammensetzt, und dann natürlich die Aufführung, die sehr eindrücklich war. Das Stück fand ich wunderbar, ich liebe es immer noch sehr. Bis heute habe ich sozusagen Momente aus den ,Momenten‘ auswendig im Ohr präsent, bestimmte Einsätze, ich höre so eine gespreizte Sext, ein hohes Trompeten-Des und ein tiefes Posaunen-F, vielleicht irre ich mich in den exakten Tönen...“

Stockhausen hatte gerade damit begonnen, an „Inori“ zu arbeiten, einem Auftragswerk für Donaueschingen, seiner ersten groß ausgeführten Formel-Komposition. Was die Schüler unterdessen in Arbeit haben, sieht er sich zwar auch gelegentlich an, pflegt aber nichts oder nur wenig dazu zu sagen. Eigentlich habe er wohl keinen seiner Studenten so richtig ernst genommen, glaubt Rihm: „Mich hielt er sowieso für ein verlorenes Schaf. So gerne, wie ich dabei war damals, so hatte ich doch immer das Gefühl, dass er mich nachsichtig betrachtet hat, mitleidig fast, als denke er: ‚Bei dem ist ja Hopfen und Malz verloren, da kann ich reden, was ich will, der macht, was er will.‘“

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