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Mozart als Romantiker : Ahnung des Unendlichen

  • -Aktualisiert am

Mozart am Klavier”, 1789. Unvollendetes Ölgemälde von Joseph Lange. Bild: akg-images

Warum hat Wolfgang Amadeus Mozart eine solch immense Wirkung auf Literatur, Musik und Philosophie der Romantik gehabt? In Würzburg stellt sich das Mozartfest dieser Frage. Der Aufwand ist berechtigt.

          Seltsames, in jedem Fall Ungewöhnliches schreibt Wolfgang Amadeus Mozart am 7. Juli 1791 an seine Frau Constanze: „ich kann Dir meine Empfindung nicht erklären, es ist eine gewisse Leere – die mir halt wehe thut, – ein gewisses Sehnen, welches nie befriediget wird, folglich nie aufhört – immer fortdauert, ja von Tag zu Tag wächst“. Diese Briefstelle hat viele Kommentatoren beschäftigt. Sind die schmerzhafte Leere, dieses unaufhörliche Sehnen das Symptom einer privaten Krise? Weiß Mozart, dass er seine Frau verloren hat, dass seine Ehe als Einklang der Herzen endgültig kaputt ist? Ahnt er seinen eigenen Tod, keine fünf Monate später? Oder verschafft sich hier, bei einem, der uns als Meister der Wiener Klassik, also ausgewogener Proportionsästhetik, gilt, ein neues Weltverhältnis Worte, das nur wenige Jahre später „romantisch“ genannt werden wird? Ein Gefühl von Verlorenheit, von Heimatlosigkeit und Heimweh in einer Welt, die durch den Rationalismus zersplittert wurde in eine Unendlichkeit von Endlichkeiten ohne umgreifenden Sinn?

          Neunzehn Jahre nach diesem Brief macht ein epochaler Text über „Beethovens Instrumentalmusik“ nicht viel Federlesens mit Mozart. Seinen Instrumentalwerken wird attestiert, dass sie „romantischen Geist“ atmen. Mozart führe uns in „die Tiefen des Geisterreichs“, seine Musik sei „Ahnung des Unendlichen“. Der Autor ist Jurist, Maler, Komponist und als Schriftsteller ein Wortführer der Romantik in Deutschland: Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der seinen dritten Vornamen selbst in „Amadeus“ geändert hat. Seine eigene Musik ist voller Mozart-Bezüge: In seiner Oper „Undine“ klingt einmal deutlich das „Recordare“ aus Mozarts Requiem an, sein c-Moll-Quintett für Harfe und Streichquartett wäre ohne Mozarts c-Moll-Klaviersonate undenkbar, Hoffmanns Ouvertüre zum Schauspiel „Das Kreuz an der Ostsee“ ist ein Echo auf Mozarts Ouvertüre zum „Don Giovanni“. Dem Befund lässt sich gar nicht ausweichen, dass es erstens keine Verspätung der musikalischen Romantik gegenüber der literarischen gibt, sondern dass sie sich zeitgleich artikulieren, und zweitens, dass Mozart eine Leitfigur für beide, für die romantische Literatur wie für die Musik, gewesen ist.

          Schon elf Jahre vor Hoffmann, 1799, schreiben die Berliner Schulfreunde Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder ihre „Phantasien über die Kunst“, die mit ihren Exkursen über die „göttlichen großen Symphoniestücke“ jener Zeit die Grundzüge einer romantischen Musikästhetik festlegen: Musik, das heißt Instrumentalmusik, wird zum Inbegriff des Absoluten, des Unbegrenzten, das alle Endlichkeiten übersteigt und den Menschen erlöst „aus diesem schmerzlichen irdischen Streben nach Worten“. Welche „göttlichen großen Symphoniestücke“ mögen das gewesen sein? Jene Beethovens waren noch nicht geschrieben. Mozart aber war zehn Jahre zuvor in Berlin gewesen, hatte öffentlich konzertiert und das begeisterte Angebot des Königs Friedrich Wilhelm II., in Preußen zu bleiben, ausgeschlagen. Seine Musik dürfte die beiden Schüler des Friedrichwerderschen Gymnasiums erfüllt und mitgerissen haben. Sie hörten Mozart durch und durch romantisch: als Ahnung des Unendlichen, als Resonanzraum ihrer Sehnsucht, einer Welt von sprachlich fassbaren Endlichkeiten zu entkommen.

          Für unsere Gegenwart sind solche Befunde noch immer gravierend. Denn es stellt sich die Frage, wie wir, vor allem spielend, Mozart interpretieren sollen. Nikolaus Harnoncourt begriff Mozarts Musik als „Klangrede“ und machte in ihr all die alten Figuren und Gesten hörbar, welche die musikalische Rhetorik in ihren Fibeln seit dem frühen siebzehnten Jahrhundert katalogisiert hatte. Und es gibt sie in Mozarts Musik ja tatsächlich. Aber sind sie nicht schon auf dem Weg in etwas anderes? Mozart war nicht nur ein hinreißender Melodiker und darin auch gewandter Rhetoriker. Er war zugleich einer der kühnsten Harmoniker seines Jahrhunderts, viel waghalsiger als Beethoven nach ihm, erst wieder eingeholt in seiner Abenteuerlichkeit durch Frédéric Chopin. Und diese Harmonik wird bei ihm bereits zu einem Subjekt der Musik, das auf der rhetorischen Ebene der Figuren und Gesten nicht mehr zu fassen ist, ihr gewissermaßen vorausliegt, deren Begrenzung nicht angehört.

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