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Mozart als Romantiker : Ahnung des Unendlichen

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Um die Wende des Jahres 1783 zu 1784 herum muss Mozart eine erregende harmonische Entdeckung gemacht haben: die der chromatischen Terzverwandtschaft nämlich. Sie besagt, dass zwei Tonarten, deren Grundtöne eine kleine Sekunde voneinander entfernt sind, den gleichen Terzton haben, wenn man das Tongeschlecht ändert. Es-Dur und e-Moll haben also den gemeinsamen Ton g in der Terz. Diese Entdeckung, die er in mehreren Instrumentalwerken des Frühjahres 1784 anwendet, ist für die Harmonik seiner Zeit grundstürzend. Sie schafft eine unvermutete Direktverbindung zwischen Tonarten, die nach geläufiger Funktions- und Kadenzharmonik weit auseinanderliegen. Auch andere Terzverwandtschaften, die Entferntes plötzlich nah zueinanderrücken, benutzt Mozart, etwa in seinem E-Dur-Klaviertrio KV 542, um Durchbruchserlebnisse, Raumöffnungen, Entrückungen zu inszenieren. Beethoven wird ihm das wenig später in seinen ersten beiden Klavierkonzerten nachmachen. Es sind aber harmonische Pointen, die dem romantischen Landschaftsempfinden des Englischen Parks entsprechen, der mit Sichtachsen Verbindungen zwischen Weitentferntem herstellt – und zwar so, dass der Wandernde es nicht vorhersagen kann. Die Überraschung eines Sinn-Erlebens ist seiner Vor-Einsicht entzogen, transzendiert dessen Rationalität.

Das Mozartfest in Würzburg stellt sich in diesem Jahr vom 24. Mai bis 23. Juni der Frage, ob Mozart als Romantiker zu begreifen sei. Dabei geht es gar nicht um die Diskussion von Epochenbegriffen, sondern um das denkende, hörende Nachvollziehen, warum Mozart im neunzehnten Jahrhundert auf Literaten, Philosophen und Musiker eine solch immense Wirkung haben konnte. Im Zentrum steht dabei – durch eine konzertante Aufführung, aber auch durch die bildkünstlerische Arbeit von Max Slevogt – die Oper „Don Giovanni“, die – besonders mit Søren Kierkegaards „Tagebuch eines Verführers“ – zum Inbegriff eines verantwortungslosen, auf permanente Grenzüberschreitung zielenden Lebensentwurfs geworden ist. Kann man sich einen größeren Gegensatz zum klassischen Ideal der Balance, des Ausgleichs, des Maßes, der Einheit von ästhetisch Schönem und sittlich Gutem vorstellen? Zumal Mozart diesen Don Giovanni als Faszinosum beschreibt, in dem Todessehnsucht und erotische Verheißung zusammenfinden.

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In Würzburg wird nicht nur ein musikalisches Programm – das mit der Oper „Mozart und Salieri“ von Nikolaj Rimski-Korsakow nach dem Libretto von Alexander Puschkin eine Ikone des romantischen Mozart-Bildes in Russland präsentiert – der Frage nachgehen, was an Mozart „romantisch“ sei. Auch Forscher, Kosmologen, Künstler und Kritiker werden sich im Mozart-Labor, im Exerzitienhaus Himmelspforten, treffen, um darüber nachzudenken. Einmal mehr beweist die Intendantin Evelyn Meining, dass es möglich ist, ein Komponistenfestival zu machen, das sein Programm ganz aus der Konzentration auf dessen Werk gewinnt und vor der Auseinandersetzung damit nicht ins freie Assoziieren davonlaufen muss. Die Publikumsnachfrage ist überdies viel größer als die Platzkapazität; für mehrere ausverkaufte Veranstaltungen mussten bereits jetzt Wartelisten geöffnet werden.

Die sinnliche Erfahrung von der Dringlichkeit solchen Nachdenkens ist dabei wichtiger als die klare Antwort am Ende. Gustav-H. H. Falke hat in seinem dichten, klaren Buch „Mozart oder Über das Schöne“ vor anderthalb Jahrzehnten schon herausgearbeitet, wie ein klassisches, auf Maß und Balance zielendes Schönheitsideal und ein romantisches, das sich auf die Authentizität des Erlebens beruft und dabei das Scheitern im Maßhalten eingestehen kann, gleichzeitig existieren. Peter Tschaikowsky bekannte sich auf genau diese zwiespältige Weise zu Mozart: „Aber vielleicht liebe ich ihn gerade so, weil ich, als Kind meines Jahrhunderts innerlich verwirrt und moralisch angekränkelt, von seiner gesunden Lebensfreude und der Reinheit einer von Grübeleien nicht vergifteten Natur angezogen, getröstet werde.“ Darin scheint die Sehnsucht nach Form und Norm ihr Ideal zu suchen.

Doch eines der letzten Werke Tschaikowskys ist ein Chor mit Klavierbegleitung, der nichts anderes darstellt als eine Textierung des B-Dur-Andantinos aus Mozarts Klavierfantasie c-Moll KV 475. Der Text stammt von Tschaikowsky selbst. Er preist die Lieblingstageszeit der Romantiker, die Nacht, das Funkeln der Sterne, die Unendlichkeit des Weltalls, nicht wissend, aber vielleicht spürend, dass schon der junge Mozart, wie er seinem Vater gestand, begeisterter Leser eines der wichtigsten Bücher war, das mit seiner Faszination für die Einsamkeit und das Nachdenken über den Tod durchaus zur Vorgeschichte der europäischen Romantik gehört: Edward Youngs „Nachtgedanken“.

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