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Bayreuther Festspiele : Wo nimmt die Frau bloß diese Töne her?

Das Leben ist vom Werk nicht zu trennen: In Barrie Koskys Inszenierung der „Meistersänger“ quälen die deutschen Meister den Beckmesser alias den Juden Hermann Levi (Johannes Martin Kränzle, liegend). Bild: Enrico Nawrath

Katharina Wagner ist es gelungen, die Bayreuther Festspiele musikalisch und szenisch auf hohem Niveau zu konsolidieren. Die Wiederaufnahmen von „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Tannhäuser“ beweisen es.

          4 Min.

          Ohne Molly und Marke ist alles noch viel trauriger. Die zwei kalbsgroßen, aber recht artigen pechschwarzen Wu­schelhunde, mit denen Richard Wagner am 13. August 1875 um 12.45 Uhr bei 23 Grad Celsius Außentemperatur vom Gassigehen in seine ­Villa Wahnfried zurückkehrt, standen in diesem Jahr für die Wiederaufnahme der „Meistersinger von Nürnberg“ nicht mehr zur Verfügung. „Die sind weg, leider“, erzählt uns Barrie Kosky in der ­Pause am Bratwurststand neben dem Bayreuther Festspielhaus, „ins Ausland verkauft. Wir kamen nicht mehr an die ran. Und wegen Corona ist sowieso alles viel schwieriger geworden.“

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Koskys Meisterinszenierung wird in diesem Jahr zum letzten Mal auf dem Grünen Hügel gezeigt. Der Abschied fällt schwer, weil man diese Inszenierung jedes Mal mit Gewinn anders sieht. Bei der Premiere 2017 wurde man von der temporeichen Burleske des ersten Aufzugs, einer Konfettikanone voll amüsanter Pointen, mit Lachanreizen überschüttet und empfand danach den zweiten Aufzug als Durchhänger – bis zur erschreckenden Präsentation der Judenkarikatur Beckmessers in der Prügelfuge. Der dritte Aufzug, im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes, dem Ort der Kriegsverbrecherprozesse 1946, schien sich dann fast hilflos zwischen Komödie und Tribunal zu winden.

          Den Juden Levi quälte Wagner mit sadistischer Lust

          Inzwischen, weil man vieles schon weiß, wirkt der erste Aufzug kaum noch komisch. Man notiert mit Beklemmung, wie Wagner den Juden Levi – virtuos gespielt von Johannes Martin Kränzle, der sich wegen stimmlicher Indisposition sängerisch vom umwerfend behänden Bo Skovhus vertreten lassen musste – bloßstellt, indem er ihn bei der christlichen Hausandacht nötigt niederzuknien. Eine Studie in Wagners Techniken des sozialen Sadismus. Man findet jetzt auch die fortwährende Selbstreproduktion Wagners, die aus dem Flügel krabbelnden kleinen Richards, nicht mehr drollig. Genauso, wie einem der Vortrag von Hans Sachs (im Kostüm Wagners) über echte Kunst vor den Meistersingern im ersten Aufzug plötzlich als gönnerhaftes Bramarbasieren vorkommt, so schwer erträglich wie die selbstbesessene Prosa von Wagners theoretischen Schriften.

          Aber genau darum geht es Kosky: Er führt den Wagner-Liebhabern vor, dass sie nur zu gern das Leben im Werk wiederfinden möchten, wo es um possier­liche Anekdoten geht. Aber sobald die unbequemen Themen im Raum stehen – Antisemitismus, Erotisierung des Opfertodes, Verehrung charismatischer Führer –, zieht man sich schnell wieder auf die Trennung von Kunst und Leben zurück. So billig kommen wir bei Kosky nicht davon. Und nun wird einem bewusst, dass im letzten Aufzug ja das fahnenschwenkende Volk genau dort sitzt, wo die Nazi-Kriegsverbrecher 1946 saßen. Stolzing und Sachs aber sind keine An­geklagten, sondern Zeugen, gar Entlastungszeugen.

          Darin zeigt sich Koskys Respekt dafür, dass in Wagners Kunst mehr und anderes steckt als das, was Gegenstand eines politischen Tribunals sein kann und muss. Wagner ist in vielen Dingen der Stichwortgeber Hitlers und der Nazis gewesen, aber er war zugleich mehr als das, sonst würde er unsere heutigen Kunstanstrengungen nicht lohnen. Dass diese Inszenierung beides leistet, Bloßstellung und Klarstellung, dass sie sich zu einer Kunst bekennt, die aber unbefleckt nicht zu haben ist, macht sie so wertvoll, nicht nur für Bayreuth.

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