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Komponist Wladimir Rebikow : Debussy hat mir die Akkorde geklaut!

Wladimir Rebikow auf einer Porträtpostkarte von 1910. Bild: Archiv

Der hochoriginelle russische Komponist Wladimir Rebikow experimentierte mit Melodramen und Pantomimen, und er verwendete sogar schon Cluster. Hundert Jahre nach seinem Tod lohnt sich die Entdeckung.

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          Durch geistigen Diebstahl um seine Wirkung gebracht zu werden ist für Komponisten, besonders seit dem Diktat einer Originalitätsästhetik, die ja Teil der Markenbildung im Freihandel von Musik ist, bitter. Tulit alter honores – „Der andere trug die Ehre davon“ – schrieb Muzio Clementi über eines der schönsten Stücke seiner Klaviersammlung „Gradus ad parnassum“. Der Kenner bemerkt schnell, wen er meinte: Ludwig van Beethoven. Der nämlich hat im Adagio seiner ersten Klaviersonate Musik geschrieben, die der von Clementi verdächtig nahe kommt. Nur dass Beethoven niemals in Abrede stellte, was er Clementi verdankte. Er hat seine Bewunderung mit einem solchen Überschwang kundgetan, dass sie viele bis heute als Schrulle abtun.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der russische Komponist Wladimir Iwanowitsch Rebikow, der im August 1920, also vor hundert Jahren, an den Folgen einer Gehirnblutung in Jalta starb, war zutiefst überzeugt davon, durch seine Zeitgenossen Claude Debussy, Alexander Skrjabin und Igor Strawinsky bestohlen worden zu sein. Als er im April 1908 in Paris seine „Mélomimiques“ op. 16 für Klavier vortrug, machten ihn Zuhörer auf die große Ähnlichkeit seiner Musik mit „Pelléas et Mélisande“ von Debussy aufmerksam. Der Musikwissenschaftler Manfred Füllsack teilt in seiner vorzüglichen Rebikow-Studie „Versagte Anerkennung oder fatale Selbstüberschätzung?“ in den „Acta Musicologica“ auch die Fortsetzung dieser Geschichte aus Rebikows Hand mit: „Und dann brachten sie einen Klavierauszug von ,Pelléas et Mélisande‘, und auf Seite Neun gab es vier chromatisch absteigende Dominantnonakkorde, die meinen auf Seite Eins von Opus 16 so ähnlich waren, dass ich meinen Augen nicht traute.“

          Rebikows op. 16 war 1900, Debussys „Pelléas“ 1902 erschienen. Einige der harmonisch kühnen Klavierwerke Rebikows hatten der „Figaro“ und „Lara“ schon 1899 veröffentlicht. „Ich dachte, ich sei eigenständig, und plötzlich diese Entlehnungen“, notierte Rebikow in einem Brief. „Aber wer hat bei wem entlehnt?“

          In Fachkreisen ist heute bekannt, dass Debussy ein notorischer Dieb war. Siegfried Schmalzried hat in seinem Büchlein über die Klavierwerke von Maurice Ravel (C. H. Beck) historisch genau nachrecherchiert, wann und wo Debussy den jüngeren Ravel in dessen noch unveröffentlichten, aber in Pariser Salons dargebotenen Klavierwerken bestohlen hatte, so dass dann Ravel nach der Veröffentlichung seiner Stücke als Plagiator dastand.

          Der amerikanische Musikwissenschaftler Richard Taruskin wies in einer Studie nach, dass die thematische Substanz am Anfang von Debussys „Nocturnes“ für Orchester direkt aus dem Liederzyklus „Ohne Sonne“ von Modest Mussorgski stammt. Debussy hat seine Machtposition – auch als Musikkritiker – ziemlich gut genutzt, um seine Originalität herauszustellen, andere Komponisten aber herabzusetzen, etwa die Musik von Edvard Grieg, der er unerhört viel verdankte, sie aber als „rosa Drops“ lächerlich machte. Debussy ist gewiss einer der bösartigsten und, was seine Originalität angeht, bis heute am meisten überschätzten Komponisten der Geschichte. Sein Heroenstatus in der Moderne verdankt sich nicht selten der Unkenntnis russischer Musik oder dem Unwillen einer analytischen Auseinandersetzung mit ihr im Westen.

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