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Zu Cunninghams 100. Geburtstag : Abglanz eines erfüllten Lebens

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Gleichzeitig auf der Bühne, aber nicht miteinander: zwei Tanzende in der „Nacht der hundert Solos“ im Londoner Barbican Centre. Bild: Stephen Wright

In London wird an den einhundertsten Geburtstag von Merce Cunningham erinnert. Die Aufführung im Barbican Centre ist so schlecht, dass sich die Frage stellt: Wird sein Erbe richtig verwaltet?

          Am 16. April wäre Merce Cunningham hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass organisierte der Trust, die Rechtsnachfolge-Institution, die das künstlerische Erbe des Choreographen betreut, Aufführungen in London, New York und Los Angeles, bei denen einhundert Solo-Ausschnitte aus 54 verschiedenen Stücken von jeweils zwei Dutzend Tänzern innerhalb von neunzig Minuten zu live-elektronischer Musik gezeigt wurden. In London entpuppte sich der Abend im Barbican Centre als eine zwar ausverkaufte, aber glücklose Veranstaltung.

          „Event“ taufte Cunningham seine Erfindung solch ortsspezifischer und unwiederholbarer, neu zusammengestellter choreographischer Collagen 1964. Ohne ihn, mit einem seltsamen Set, scheußlichen Kostümen und einem technisch von ausgezeichnet bis zu unbegabt reichenden Ensemble, das zudem nur solistisch agierte, wirkte der Tanz eigenartig aus der Zeit gefallen, befremdend alt. Nie kam in irgendeinem Cunningham-Stück auch nur für Sekunden Langeweile auf. Das gab es nicht. Hier schon. Das wirft ein weiteres Mal die Frage auf, was da unter der Leitung des ambitionierten Trevor Carlson eigentlich vor sich geht. Und ob das dem Erbe gerecht wird.

          Im Sommer vor zehn Jahren schieden innerhalb weniger Wochen zwei berühmte, weltweit gefeierte Choreographen aus der Welt. Am 30. Juni 2009 starb Pina Bausch im Alter von 68 Jahren, am 26. Juli der wesentlich ältere Merce Cunningham. Seinen neunzigsten Geburtstag hatte er zwei Monate zuvor noch mit einer Premiere festlich begangen, die seinem zweihundert Stücke umfassenden Œuvre ein weiteres Meisterwerk hinzufügte: „Nearly Ninety“ wurde in der Brooklyn Academy of Music in New York uraufgeführt, und das vollgepackte Haus bejubelte den im Rollstuhl auf die Bühne fahrenden Merce Cunningham.

          Während das Tanztheater Wuppertal in diesem Jahr eine Führungskrise beendete, die das Erbe existentiell zu gefährden drohte, und nun auf Identitätssuche ist, wurde in New York 2009 schnell bekanntgegeben, dass die „Merce Cunningham Dance Company“ nach dem Tod ihres Gründers eine zweijährige Abschiedstournee um die Welt antreten sollte, an deren Ende das Ensemble aufgelöst würde. So schwierig die Fragen sind, die sich in Wuppertal stellen – wer tanzt, welche Stücke kommen auf den Spielplan, wie kann das Erbe lebendig gehalten werden –, so traurig ist es, dass es die „Merce Cunningham Dance Company“ seit 2011 nicht mehr gibt. Aber in den Vereinigten Staaten, so hieß es damals, sei es zu schwierig, ein Ensemble in Arbeit zu halten, wenn der Gründungsdirektor nicht mehr am Leben sei. Das Interesse am gesamten Werk lasse nach, wenn nicht jedes Jahr eine neue Choreographie zur Premiere komme. Nun, das scheint nicht unbedingt der Fall zu sein, wie das Beispiel der postmodernen Choreographin Trisha Brown zeigt, deren Company seit Browns Tod 2017 ungeschmälert nachgefragt ist. Auch der kürzlich verstorbene Paul Taylor hatte rechtzeitig entschieden, wie sein Werk weiter aufgeführt und bewahrt werden kann.

          „Man muss das Tanzen lieben, um dabeizubleiben“

          Natürlich würde die Welt Merce Cunninghams zweihundert Meisterwerke weiter sehen wollen. Warum der Mut dazu vor zehn Jahren gefehlt hat, warum Cunningham damals einstimmte in die Auflösung seiner Company, das ist schwer nachzuvollziehen. Vielleicht hing es mit seinen vom Zen-Buddhismus geprägten Auffassungen von Vergänglichkeit zusammen. Vielleicht hatte er die Probleme von Martha Grahams Company nach deren Tod vor Augen. Es kann auch deprimierend sein, wenn ein führungslos gewordenes Ensemble technisch abfällt und ohne Mut zur Zukunft weitermacht. Wer weiß. Was Cunningham einmal über den Tanz sagte, klingt heute unendlich viel trauriger, als er es meinte: „Man muss das Tanzen lieben, um dabeizubleiben. Es gibt dir nichts zurück, keine Manuskripte zum Aufbewahren, keine Gemälde für die Wände und vielleicht für Museen, keine Gedichte zum Drucken und Verkaufen, nichts als den einzigartigen, vorübergehenden Moment, in dem du fühlst, dass du am Leben bist. Es ist nichts für unstete Seelen.“

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