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Wilson inszeniert Lachenmann : Eiseskalt ist es in der Gluthitze-Landschaft

  • -Aktualisiert am

Gevatter Tod greift nach ihr: Robert Wilson und Angela Winkler in Bochum Bild: dpa

Erst zum sechsten Mal ist Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ bei der Ruhrtriennale zur Aufführung gebracht worden. Robert Wilsons Inszenierung in der Bochumer Jahrhunderthalle ist ein einziger Triumph.

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          Künstler müssen einander nicht lieben: Wagner giftete gegen Schumann und Brahms, den Hugo Wolf noch bissiger anging, Strawinski konnte bei Strauss’ „Ariadne“ nur „kreischen vor Ekel“ - und wurde von Schönberg als „kleiner Modernsky“ karikiert. Wolfgang Rihm schätzt Helmut Lachenmann, hält nichts von Hanns Eisler. Der wiederum ist für Heiner Goebbels wichtig; für den allerdings ist Lachenmann ein „Dinosaurier“. Gerechtigkeit ist ein hohes Wort, ästhetisch leider kaum tauglich. Roland Barthes’ berückende Formel: „Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität“, lässt heilsam beider Anspruch hinfällig werden.

          So nimmt es nicht wunder, dass Goebbels als Intendant der Ruhrtriennale ausgerechnet Lachenmanns zentrales „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ bringt. Scheinbar sind die Positionen polar: Goebbels, als Akteur im Frankfurter „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ mit Eisler engagiert, hat sich vom tradierten, „demiurgischen“ Komponieren entfernt, kooperiert musikalisch mit anderen Medien; Lachenmann, strenger Avantgardist, hält quasi an der „absoluten“ Musik fest, bleibt spröde gegenüber den Sirenengesängen der Traditionssüchtigen. Aber „links“ war auch er - und Texte dienen beiden eher als Sinn-Fragmente denn als narrative Basis. Gegensätze sollte man nicht übertreiben. Gleichwohl: Wo Goebbels immer mehr auch visuell arbeitet, sitzt bei Lachenmann ein Grundmisstrauen gegen die sinnliche Verführungskraft des Theaters.

          Unerhört eindrucksvoll, in mancher Hinsicht exemplarisch

          Insofern haftet jeder Bühnenversion des „Mädchens“ etwas vom „credo quia absurdum“ an - wie übrigens allen Großprojekten seit 1980: Messiaens „Franziskus“, Nonos „Prometeo“, Cages „Europeras“, Rihms „Séraphin“, Riehms „Schweigen der Sirenen“ und der anderen „Märchen“-Oper, Holligers „Schneewittchen“. Die Aufführung in der Bochumer Jahrhunderthalle ist die erst sechste nach Hamburg, Paris/Stuttgart, Salzburg, Wien und Berlin. Und wie jedes große Kunstwerk die eigene Gattung in Frage stellt, so bringt das „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ stets neu in die Verlegenheit, utopischen Anspruch und halbwegs irdische Realität in fragile Beziehung zueinander zu setzen: Was ist das für ein Stück, was sind seine thematisch-technisch-ideellen Voraussetzungen, kann es so etwas wie Werktreue geben, hat sich schon eine Aufführungstradition sedimentiert? Die Antworten können allenfalls skeptisch sein, es gilt, der Augenblickswahrheit zu folgen, diese aber kritisch zu reflektieren.

          Um es vorwegzunehmen: Die Bochumer Aufführung ist unerhört eindrucksvoll, in mancher Hinsicht exemplarisch, wirkt lange nach. Das beginnt mit der Raumsituation, ästhetisch wie sozial hierarchiefrei: einer doppelquadratischen Arena-Struktur, sowohl der ansteigenden Sitzreihen als auch der Spielfläche. Oben auf den vier Seiten spielt das hr-Sinfonieorchester, dirigiert von Emilio Pomàrico, in einer 360-Grad-Perspektivik. Bedenkt man, welche Mühe noch Lothar Zagrosek bei der Hamburger Uraufführung hatte, besticht mittlerweile die souverän konzentrierte Freiheit im Umgang mit Lachenmanns Geräusch-Klang-Explorationen. Vieles klingt viel selbstverständlicher, zeigt aber auch den Pferdefuß des Funktionierenden: Die Verstärkung, die Räumlichkeit manchen Wechselspiels mindern die haptisch rauhe Materialität der Tonerzeugung. Allerdings: Schon bei den zweiten und dritten Aufführungen klang manches runder. Gleichwohl: eine dirigentisch wie orchestral enorme Leistung, suggestive Vergegenwärtigung von Lachenmanns unvorstellbar komplexer Partitur.

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