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Passionsspiele in Oberammergau : Tyrannenmörder trifft Trümmerfrau

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Her mit dem Kernobst: Rochus Rückel als Wilhelm Tell bei den Passionsspielen in Oberammergau. Bild: Arno Declair

Rütli-Schwur ohne Kuhglockenidyll: Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ feiert bei den Passionsspielen in Oberammergau eine Premiere mit Licht und Schatten.

          Tell lässt sich bitten. Er sei dann schon zur Stelle, wenn er gebraucht werde, versichert der Eigenbrötler. Auf dem Rütli schwören wie die anderen will er nicht. Am Ende ist er dennoch Mittelpunkt der Schweizer, Fokus des lebenden Bildes, das sich, viele Sekunden lang eingefroren, in fast fünftausend kühle Zuschauerköpfe einprägen soll.

          Es ist eines dieser seltsamen, aus der Zeit gefallenen Tableaux vivants, wie sie in Oberammergau bis heute in Serie über die Passionsspielbühne gehen, seit sie im späten achtzehnten Jahrhundert Trend wurden. Und es ist das einzige in diesem „Wilhelm Tell“, den Spielleiter Christian Stückl mit achtzig Laiendarstellern als letztes großes Vorsprechen vor der Passion 2020 in Szene gesetzt hat. Ein freiwilliges Herunterbrechen also eines zweieinhalbstündigen Theaterabends auf eine Aussage: Zusammen sind selbst die Schwachen mächtig. Ein Standbild auch, das dem Zuschauer kurz Zeit gibt, das Geschehene und das Gesehene zu ordnen und zueinander in Verhältnis zu setzen.

          Da ist zuallererst der dominante schwarze Rahmen eines Bühnenbildes, das Stefan Hageneier betont weit entfernt hat von den Heimat echoenden Kuhglockenalmen und alpenglühenden Matterhörnern in den Regieanweisungen Friedrich Schillers: Das ausgebrannte Gerippe einer gestreckten Häuserruine – aus dem hinteren Teil quillt immer noch Rauch – lässt andere Völkerkriegsschauplätze, nämlich solche aus den aktuellen Nachrichten, assoziieren. Lediglich das Waldgrün, Erdbraun und Felsblau der Kostüme erinnert noch an das einstige Naturidyll. Doch in Baretten, Schiffchen, Schnürstiefeln, Bomber- wie Lederjacken und Trümmerfrauen-Outfits geben diese Farben eine andere Marschrichtung vor.

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          In dieser Bauern-Camouflage der Menge stehen die drei Eidgenossen von Uri, Schwyz und Unterwalden: Walther Fürst, Werner Stauffacher und Arnold vom Melchtal – im Stück wie auf der Bühne drei Lebensalter und drei spannende Figuren mit Verstand, Herzblut und Leidenschaft. Und noch ein anderes denkwürdiges Bild entsteht, wenn Anton Preisinger, Frederik Mayet und Cengiz Görür die Hände zum Rütli-Schwur verschränken: Es versammeln sich hier der namensgleiche Enkel des Oberammergauer Christus-Stars von 1950 und 1960, dazu einer der beiden gefeierten Hauptakteure von 2010 und obendrein ein junger Mann, der, rein spekulativ, ein talentierter Jesus-Anwärter für 2020 wäre.

          Ein zufälliger Held, der mit sich selbst in Ungnade fällt

          Auf dem höchsten Punkt der Bühne aber steht im lebenden Schlussbild ein Zauderer. Während um ihn herum ein Ausdruck des Jubels über die Befreiung auf den Gesichtern liegt, traf dieser Starke, der am mächtigsten allein ist, wie er sich selbst beschreibt, kurz zuvor auf einen anderen Einzelkämpfer: auf Johannes Parricida, Herzog von Schwaben, und ist sich plötzlich seiner moralischen Abgrenzung als Tyrannenmörder gegen den Kaisermörder – „Gemordet hast du, ich hab mein Teuerstes verteidigt“ – selbst nicht mehr so sicher.

          Es ist ein fehlbarer, kein sagenhafter Tell, den Stückl im erst zweiundzwanzigjährigen Rochus Rückel zeigt, ein eigensinnig unscheinbarer und nervöser, eher zufälliger Held, der mit sich selbst in Ungnade fällt, als das Volk den Parteilosen zu instrumentalisieren beginnt. Der Reichsvogt ist schlau, wenn er genau diesen Mann ergreift, um ein Exempel zu statuieren. Und Spielleiter Stückl war schlau, die Tyrannenrolle dem zweiten Jesus-Darsteller der Passion von 2010 zu überlassen. Nicht nur optisch hat Andreas Richter seinen Kinski gut studiert und aus Gessner einen Aguirre gemacht: Gerade in seiner Lächerlichkeit so gefährlich, schwankt er meist siegestrunken, als halte er nur mühsam die Balance zwischen fieser Willkür und ignoranter Virtuosität. Gessners Männer tragen schwarze SS-Uniformen – ein weiterer Axthieb in die Kerbe einer möglichen Leserichtung des Stückes. Doch sowohl die Ruinen als auch die Camouflage als auch die rohe Gewalt, mit der die Habsburger zuschlagen: Dies alles bleibt Kulisse. Gespielt wird Schillers „Tell“. Sogar eine Armbrust für den Apfelschuss steht bereit, obwohl sonst Pistolen, Gewehre und Gummiknüppel im Einsatz sind.

          Nur im Ansatz wird eine Bedrohung hinter Tells stillem Selbstläufertum sichtbar, auch die nicht hinterfragte Vererbung von Überzeugungen, wie sie sich in dessen Sohn Walther manifestiert, der damit bereits trittsicher auf dem schmalen Grat zur Intoleranz balanciert. Problematisch wird in einem derartig anspielungsreichen Kontext allerdings die Kombination mit der monumentalen Musik von Markus Zwink. Mehr als hundert Mitwirkende hinter der Bühne bilden Orchester und Frauenchor: mit mäandernden Harmonien, melodramatischen Dissonanzen und Schellenkranz-Festlichkeit. Diese aufwendigen Kompositionen mit oft vielerlei Anklängen durch Jahrhunderte und Erdteile sind fester Bestandteil der Oberammergauer Inszenierungen. Sie feiern diese, ohne dabei zwischen Bühnenspektakel und Bühnengeschehen zu differenzieren.

          Im kommenden Jahr ist erst einmal Schluss mit den dramatischen Experimenten. Dann wird traditionell das „Pestspiel“ gezeigt, in Passionsspielbesetzung. Bis zu deren Verkündung am 20. Oktober ist noch alles offen, denn auch in manch kleinerer Rolle zeigte sich bei Stückls „Tell“ Apostel-Potential. Und Erfahrung sammelt diese Gemeinde ja nicht in der Schauspielschule, sondern während der Vorstellungen. Einen dürfte Stückl bereits für die Passion 2030 im Auge haben: Johannes Maderspacher verkörpert in Tells Sohn Walther zwar jetzt schon einen vorlauten kleinen Freiheitskämpfer, der obligatorische Bartwuchs wird aber noch ein bisschen auf sich warten lassen. „Früh übt sich“, hätte Tell gesagt.

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