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Welsh National Opera : Small in Japan

Eine Vortragsreihe rund um Puccinis “Madama Butterfly“ sorgt für Diskussionen. Bild: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die Welsh National Opera bietet eine neue Inszenierung von Giacomo Puccinis “Madama Butterfly“. Dazu gehört eine Vortragsreihe im Zuge der aktuell herrschenden “Wokeness“. Doch wie passend ist das Thema wirklich?

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          Die Welsh National Opera hat soeben angekündigt, zu ihrer neuen Inszenierung von Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ vier Onlinevorträge über „Fragen mit Relevanz für ein zeitgenössisches Publikum“ anzubieten. Die Titel heißen „Moderne Sklaverei“, die „Neuerfindung von Narrativen“, „Der lange Arm des Imperialismus“ und „Frauen: Wer erzählt unsere Geschichten?“. Als Referentin ist auch die Literaturwissenschaftlerin Priyamvada Gopal angekündigt. Die Professorin für postkoloniale Studien in Cambridge beschimpft ihre Kritiker mitunter als weiße Suprematisten.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Trevor Phillips, den ehemaligen Vorsitzenden der Kommission für rassische Gleichheit, hat sie als „Schleimer, der gedeiht, indem er andere Farbige schikaniert“, bezeichnet. Gopal wird in der konservativen Presse regelmäßig der politischen Korrektheit bezichtigt. Es bedarf kaum der Erläuterungen des Opernhauses, um klarzumachen, dass die Vortragsreihe dem Geist der allgegenwärtigen Wokeness gehorcht. Dieser Ansatz ist im Fall von „Madama Butterfly“ keineswegs originell.

          Puccini ist regelmäßig kulturelle Aneignung vorgehalten worden – im Sinne von Edward Saids Begriff der von westlicher Überheblichkeit geprägten Faszination für die Exotik des Orients. Und Regisseure interpretieren die Geschichte der Geisha Cho Cho San schon lange im Lichte der Diskussion um sexuelle Ausbeutung und Imperialismus. Das hat zur Folge, dass manche Tenöre die Rolle des amerikanischen Marineoffiziers Pinkerton ungern singen, weil sie am Schluss ausgebuht werden könnten. Puccini war selbst in Sorge, dass er die Züge des „hässlichen Amerikaners“ übertrieben habe, und modifizierte sie bei der Überarbeitung der Erstfassung, so wie er auch die Stereotypisierung der Japaner abschwächte.

          Es fällt schwer, das Bild von Cho Cho Sans und Pinkertons kleinem Sohn, der in der letzten Szene mit der amerikanischen Fahne spielt, anders zu deuten denn als Kritik am Imperialismus. Auch gibt es wohl kaum einen Opernkomponisten, der das Schicksal von in gesellschaftlichen Zwängen gefangenen Frauen derart intensiv thematisiert hat wie Puccini.

          Die Welsh National Opera bemängelt gleichwohl, dass die meisten weiblichen Opernfiguren Opfer ihrer Umstände seien und diejenigen unter ihnen, die doch Macht hätten, als Monster dargestellt würden. „Madama Butterfly“ sei 1904 auf dem Höhepunkt des britischen Em­pire uraufgeführt worden. Viele hätten erst mit Anheben der Black-Lives-Matter-Bewegung angefangen, sich mit der Rolle des Weltreiches und seiner bleibenden Wirkung zu befassen. „Madama Butterfly“ zum Anlass für Nachholunterricht in britischer Geschichte zu nehmen wirkt dennoch weit hergeholt: Japan gehörte nicht zum Empire.

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