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Fragen Sie Eleonore Büning : Wieso gehen Dirigenten so oft zum Friseur?

  • -Aktualisiert am

Kent Nagano im Juli 2002 in Salzburg Bild: Picture-Alliance

Dirigenten und Friseure haben einiges gemeinsam. Nicht nur die Sorge um die Achillesferse jeden Mannes, den Hinterkopf, den die Dirigenten ihrem Publikum bei der Arbeit gemeinhin zuwenden.

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          Gehen Dirigenten wirklich so oft zum Friseur? Ich persönlich habe dort noch nie einen angetroffen. Und mit Musik hat diese Frage nun wirklich überhaupt nichts zu tun. Insofern, wegen nachweisbarer Unzuständigkeit, hatte ich die Frage, als sie mir das erste Mal gestellt wurde, sofort und spontan, allerdings glücklos, weiterreichen wollen an einen Kolumnistenkollegen, der sich mit Haaren oder vielmehr dem Problem ihrer Abwesenheit eventuell ein bisschen besser auskennt. Seltsamerweise tauchte die Friseurfrage seither immer wieder auf, in vielerlei Gestalt, sie kam von erstaunlich vielen, verschiedenen Seiten.

          Ganz ernsthaft, zum Beispiel, von Denis Scheck, vor knapp einem Jahr; dann im Januar von einer guten, alten Hamburger Freundin, als wir friedlich in der Elbphilharmonie beisammen saßen und zusahen, wie fesch Maestro Kent Nagano wieder hereineilte, mit federndem Schritt und frisch geföhnter, wehender Indianermähne.

          Das war vermutlich praktischer

          Zuletzt, das gab den Ausschlag, kam es dazu vorvorgestern in Salzburg, wo aus Jubiläumsgründen zur Zeit überall der markenzeichenhafte Schopf von Osterfestspielgründer Herbert von Karajan ins Auge fällt: im Prinzip ein klassischer Bürstenhaarschnitt, eine Elvis-Tolle, zum Zeichen ewiger Jugend; nur ohne Pomade und schon interessant ergraut, mit weißen Strähnen darin, zum Zeichen reifer Autorität; schließlich etwa zwei Zentimeter länger, als Elvis selbst diese Frisur trug, was ein Kämmen der sturmwindmäßig fixierten Pracht mit fünf oder zehn Fingern erlaubt.

          Der Prototyp: Herbert von Karajan Bilderstrecke

          Karajan ist, auch in punkto Frisur, eindeutig ein Prototyp gewesen. Anfang der dreißiger Jahre, als Generalmusikdirektor in Ulm, trug er seine Bürste noch kurz. Das war vermutlich praktischer für einen ehrgeizigen, jungen Workaholic. Doch hätte Karajan mit einer so billigen Modefrisur jemals den rundum genial verstrubbelten, in der Mitte indes halbkahlen Wilhelm Furtwängler aus dem Felde schlagen und die Berliner Philharmoniker übernehmen können? Sicher nicht.

          Die Achillesferse am Hinterkopf

          Friseur und Dirigent haben viel gemeinsam. Sie sind, wenn sie gut sind, ungeheuer gefragt: Figaro hier, Figaro dort. Sie sind, nicht alle, aber doch die allermeisten, klein von Statur und eine Führernatur mit Napoleonkomplex. Und üben beide einen Dienstleistungsberuf aus, der auch individuelle künstlerische Spielräume impliziert, müssen auch beide in Ausübung ihres Berufes stundenlang herumstehen, während ihre Kundschaft sitzen darf. Im Unterschied zum Friseur wendet der Dirigent dabei den Kunden konsequent seinen Rücken zu, ja, er ist der einzige Entertainer, der sich dem Publikum nur kurz und ausnahmsweise von vorn zeigen kann, nämlich, wenn die Vorstellung vorbei ist oder noch nicht begonnen hat.

          Dazu kommt das leidige Genderproblem. Sie können ja nichts dafür, doch Dirigenten sind bis heute immer noch und in überwiegender Mehrzahl männlichen Geschlechts, und jeder Mann, wirklich ein jeder, auch jeder Dirigent, trägt seine Achillesferse am Hinterkopf, dort, wo es kahl wird. Bei fast allen. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Das ist das Dirigententrauma: der Hinterkopf. Deshalb braucht jeder Dirigent einen guten Friseur.

          Aus Gründen der Trauma-Therapie

          Einige tragen sicherheitshalber luftig plüschige Dauerwelle, anderen tun lässig so, als sei ihnen ihr Rückspiegel total egal. Wieder andere, etwa Thomas Hengelbrock, untersagen jedwede Veröffentlichung von Fotos, die sie von hinten zeigen. Sie bilden sich ein, vogelstraußartig, damit sei die Problemzone quasi unsichtbar. Andere, die mit den napoleonischen Geheimratsecken, etwa Leopold Stokowski, haben sich grundsätzlich nur in linker Seitenansicht fotografieren lassen. Stokowski bildete sich ein, er sähe von links besser aus. Glenn Gould beschreibt das so treffend, weil er Stokowski durchschaute, denn: Auch Pianisten kennen das Problem.

          Es gibt viele Dirigenten, die bis ins hohe Alter tätig sind und weiter dirigieren. Aber es gibt nur sehr wenige Männer, die bis ins hohe Alter nicht in Versuchung kommen, Haare nachpflanzen zu lassen, und selbst die sind traumatisiert allein von dem Gedanken, dass es eines Tages dazu kommen könnte. Und eben deshalb, aus Gründen der Trauma-Therapie, hatten und haben alle Dirigenten, auch die ausnahmsweise hochgewachsenen, reichbehaarten, Leonard Bernstein, Bruno Walter, Otto Klemperer oder Christian Thielemann, einen wirklich guten Friseur, einen, der weiß, wo man den Scheitel zieht.

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