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Wiener Staatsballett : Eine Kunst mit Nähe zum Nachtclub

  • -Aktualisiert am

Gut getanzte Langeweile: Olga Esina und Roman Lazik Bild: AFP

Neuerdings zieht sich ganze Ballett-Welt umsonst aus. Nicht so in Wien: Dort hat Patrick de Bana für sein neues „Marie Antoinette“-Ballett Reifröcke und Nachthemden aus Batist schneidern lassen. Geholfen hat auch das nicht.

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          Als „erotisch, aber auch nicht aufregender als irgendein gut gemachter Pin-up-Kalender, der in jeder Küche hängen könnte“, bezeichnete „Die Presse“ im vergangenen Monat eine Aktfotografie der Solistin Karina Sarkissova vom Wiener Staatsballett. Intendant Dominique Meyer betonte, man sei schockiert, Sarkissova habe man wegen ähnlicher Freizügigkeiten bereits früher verwarnt. Der neue französische Ballettdirektor Manuel Legris, Meyers Wunschkandidat auf diesem Posten, feuerte Frau Sarkissova.

          Ob diese inzwischen auf Druck, von wem auch immer, wieder engagiert worden sein mag oder nicht, ist weit weniger interessant als die Bigotterie ihrer Verfolger. Schließlich findet, wer den Namen Manuel Legris googelt, mindestens zwei Nacktfotos unter den ersten Treffern. Eines präsentiert den im vergangenen Jahr verabschiedeten Etoile des Balletts der Pariser Oper von seiner naturgemäß durchtrainierten Kehrseite in einem Kuppelfenster des Palais Garnier, einem so genannten „OEil-de-Boeuf“ stehend; ein anderes auf der Seite liegend, das Gesicht dem Betrachter entgegenhebend.

          Liegt es an der Furcht vor dem Alter?

          Es ist Mode in der Ballettwelt, sich öffentlich auszuziehen, und das nicht nur in Wien oder seit gestern. Vladimir Malakhov hat es getan, Hans van Manen hat einige andere gebeten, für seine Kamera die Hüllen fallen zu lassen, in Lois Greenfields Büchern und Kalendern, auf Gert Weigelts Website wie im sogenannten Fachmagazin „Tanz“ springen Tänzer nackt durchs Bild, und auch John Neumeiers bekannte Solisten zeigen in einem jüngst erschienenen Coffeetable Book Haut, Haut, Haut und ein bisschen Tutu. Daran fällt auf, dass es bei Tänzern offenbar erst vom Solisten an aufwärts interessant ist, sich vor einer Kamera ausziehen zu sollen und dass sie es zweitens offenbar ohne viel Geld tun - denn „Playboy“ oder „Penthouse“ sind, außer bei Frau Sarkissovas ersten Schnappschüssen, meist nicht im Spiel.

          Elisabeth Golibina (Schatten der Marie Antoinette) und Kirill Kourlaev (Das Schicksal)
          Elisabeth Golibina (Schatten der Marie Antoinette) und Kirill Kourlaev (Das Schicksal) : Bild: AFP

          Was also ist es dann? Ein Exhibitionismus, den das Tanzen auf den berühmtesten Bühnen nicht mehr befriedigen kann? Ein naives „Ich bin doch so schön, was kann denn ich dafür; das darf man doch der Welt nicht vorenthalten“? Ob es am Narzissmus oder der Furcht vor dem Alter liegen mag, man prostituiert sich offenbar gern, wenn das Publikum Leute, die wegen anderer Leistungen als ihres sexuell anregenden Äußeren berühmt sind, ansehen will, wie sie sich als Sexobjekt hergeben.

          Es riecht plötzlich nach billiger Erotik aus dem Teuerpuff

          Jetzt kann man noch feine Unterschiede machen. Zieht sich - bloß - ein Tänzer aus? Oder ein Ballettdirektor, der am Tag nach der Veröffentlichung wieder seinem Intendanten, dem Orchesterchef, dem Kulturminister gegenübertreten wird, um die Interessen des Balletts zu vertreten? Hat dieser Intendant als Intendant nackt posiert (Malakhov) oder noch vor Erlangung des Intendantenstatus (Legris)? Das kann man diskutieren. Bestehen bleibt die Tatsache, dass diese meist kitschigen, das Muskulöse, Schweißtreibende, Durchgestylte am Tanz betonenden Bilder höchst geeignet sind, jedes Vorurteil gegenüber dieser Kunst zu erhärten.

          Das soll eine Kunst sein? Die derart die Nähe zum Nachtclub pflegt? Das Ergebnis dieser Fotos ist nämlich nicht, dass die Welt denkt: Gott, sind Tänzer schön! Sondern dass ihre Funktionen, ihre Rollen herabgewürdigt werden: Die Welt des Balletts riecht plötzlich nach billiger Erotik aus dem Teuerpuff. Das ist so dumm.

          Das Wiener Publikum zeigte sich geradezu aristokratisch

          Dümmer, als diese Nacktfotos voll Niveau zu machen, war es von Legris nur noch, seinem guten Freund, dem Tänzer Patrick de Bana, die Choreographie einer „Marie Antoinette“ betitelten Uraufführung zu einer Mozart-Rameau-Vivaldi-Bach-Collage anzuvertrauen. Er schickte ihn ohne Dramaturgen in die Schlacht, denkend, dass das Thema irre österreichisch-französisch sei, bloß eben leider mit tragischem Ende. Und was sehen wir? Reifröcke und Nachthemdchen aus feinstem französischem Batist, knapp unter dem Popo abgeschnitten von Kostümbildnerin Agnes Letestu - auch sie übrigens so ein Etoile der strengen, der vorbildlichen, der geschmackvollen Pariser Oper.

          Das Wiener Publikum aber zeigte sich wahrhaft wohlerzogen, geradezu aristokratisch, indem es nach zwei - trotz sehr guter tänzerischer Leistungen (falls danach jemand fragt) - tödlich langweiligen Stunden inklusive Pause, in denen das „Schicksal“ tanzte, lebende und tote Kaiserinnen und Könige, Grafen, Verbündete und Schwägerinnen umeinander hupften, als wär's von Jirí Kylián, den Kitschbuben sogar noch höflich applaudierte.

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