https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/wiener-opernexperiment-komm-mit-ins-zwischenreich-des-hades-12937712.html

Wiener Opernexperiment : Komm mit ins Zwischenreich des Hades

  • -Aktualisiert am

Bejun Mehta ist Orpheus, und im Videobild erscheint seine Eurydike, die Wachkoma-Patientin Karin Anna Giselbrecht Bild: Luca Del Pia

Die Wiener Festwochen wagen sich in Grenzbereiche von Ethik und Ästhetik: Romeo Castellucci inszeniert Christoph Willibald Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“ mit einer Wachkoma-Patientin im Video-Livestream.

          4 Min.

          Eurydike trägt einen Kopfhörer. Über ihrem Bett baumeln Ballettschuhe, wie gerade erst abgestreift. Sie wird sie nie wieder tragen können. Ob sie den himmlischen Gesang ihres Orpheus hört, ist ungewiss. Ja, sagen die Ärzte. Ja, sagt ihre Familie. Wir möchten es gern glauben. Denn Eurydike lächelt. Engelhaft, arglos, seltsam entrückt. Wir aber schämen uns, weil wir ihr dabei so nahe sind. Weil wir ihr beim Lächeln zuschauen.

          Die junge Frau vor unseren Augen heißt gar nicht Eurydike. Sie heißt Karin Anna Giselbrecht. Sie ist Patientin im Geriatriezentrum Am Wienerwald. Karin Anna, gerade fünfundzwanzig Jahre alt, liegt im Wachkoma. Seit drei Jahren schon, seit sie im Februar 2011 einen Herzstillstand erlitt, ausgelöst durch das Long-QT-Syndrom, eine besonders heimtückische Form von Herzrhythmusstörungen. Bis dahin war Karin Anna voller Hoffnungen - und sie war selbst eine große Hoffnung.

          Sie hatte eine Tanz- und Ballettausbildung absolviert, war bereits an der Wiener Staatsoper aufgetreten. Sie trainierte jeden Tag bis zu fünf Stunden, bewunderte die Ballerina Margot Fonteyn und träumte davon, irgendwann einmal mit dem Choreographen John Neumeier zu arbeiten. Doch dann legte der Tod, aus heiterstem Himmel, Einspruch ein gegen ihr Glück. Seine Methoden sind heute subtiler, hinterhältiger. Er schickt keine Schlangen mehr, wie damals in der Mythologie.

          Per Livestream in die Klinik

          Spürbar ist sie dennoch: die Analogie zur antiken Orpheus-Sage, in der des Sängers Gefährtin durch einen Schlangenbiss jäh aus dem blühenden Leben gerissen wird. Oder sie wird uns nahegelegt, auf äußerst suggestive Weise, von dem Regisseur Romeo Castellucci, der zur Eröffnung der Wiener Festwochen Christoph Willibald Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“ inszenierte. Markus Hinterhäuser, der neue künstlerische Leiter der Festwochen und designierte Intendant der Salzburger Festspiele, spricht nicht ohne Grund von der gewagtesten Produktion, die er je zu verantworten hatte. Denn nichts an diesem Abend ist Fiktion. Der Blick ins Allerintimste, ins Krankenzimmer Nummer 108 in Wien-Lainz, eröffnet sich per Video-Livestreaming, in Echtzeit.

          Die Patientin habe dem zugestimmt, heißt es. Es gebe Wege, mit ihr zu kommunizieren, über Berührungen, über Blicke, über ihr Lächeln. Das beruhigt, vordergründig. Dennoch lässt uns das Unbehagen nie ganz los, während wir, zehn Kilometer entfernt von Karin Annas Krankenbett, in Halle E des Wiener Museumsquartiers sitzen: Dürfen wir dies sehen? Wollen wir das sehen? Dürfen wir so in die Privatsphäre dieser jungen Frau eindringen? Darf eine Inszenierung einen solchen Tabubruch begehen? Ist es überhaupt (noch) ein Tabubruch? Und überfordert es die vierhundert Jahre alte Kunstform Oper nicht kolossal, wenn sie derart von einem „Reality“-Drama in Dienst genommen wird?

          Die Suche nach Antworten überlässt der Abend allein dem Zuschauer: indem er uns unentwegt zu einer Entscheidung zwingt. Eine Haltung passiven Genießens gibt es nicht gegenüber dieser Produktion, denn sie konfrontiert uns mit Krankheit, Leid und Tod nicht in der theaterüblichen Weise, nämlich fiktional und ästhetisierend, sondern mit der Unmittelbarkeit des Lebens selbst, vor der es kein Entrinnen gibt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Meteoritenschauer : „Ich hab’ es Feuer regnen sehen“

          Was John Denver 1973 in seinem Lied „Rocky Mountain High“ besungen hat, ist der Höhepunkt des Meteoritenschauers der Perseiden. Jedes Jahr im August kann man nachts bis zu 100 Sternschnuppen pro Stunde sehen.
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki am 31. Mai 2022

          Betroffene im Erzbistum Köln : Von Woelki überrumpelt

          Das Erzbistum Köln bestreitet, dass Kardinal Woelki den Betroffenenbeirat für seine Zwecke instrumentalisiert hat. Recherchen der F.A.Z. stützen diese Darstellung jedoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.