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Wiener Oper : Stimmungslose Langeweile

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Wo bleibt die Sinnlichkeit? Ildebrando D'Arcangelo in der Titelrolle und Roxana Constantinescu als Donna Elvira Bild: Reuters

Sieht aus wie auf der Probebühne: An der Wiener Staatsoper verschenkt Regisseur Jean-Louis Martinoty einen „Don Giovanni“ nach allen Regeln der Kunst - ein Abend wie ein langweiliger Nachmittag im Kaffeehaus.

          Fototapeten schaffen schon in Wohnräumen keine stimmungsvolle Kulisse; warum sich Jean-Louis Martinoty für seinen „Don Giovanni“ an der Wiener Staatsoper ausgerechnet für dieses Stilmittel entschied, warum er bunte und schwarzweiße Fassaden mit Spiegeln und einem grausam schlecht beleuchteten Interieur von Stühlen und Tisch zu einer Art Probebühne mischte, wird sein Geheimnis bleiben. An stimmungsloser Langeweile ist diese missglückte Produktion jedenfalls schwer zu übertreffen.

          Ohne Personenführung holpert Ildebrando D'Arcangelos bassbaritonaler Titelheld mit einem wenig stimmschönen Alex Esposito als Leporello durch die kargen Requisiten. Ob in seltsam gemischter Flohmarktmode oder in klümpchenfarbenen venezianischen Karnevalskostümen, ob auf Osterienbestuhlung oder auf Siebziger-Jahre-Sitzsäcken, ob mit Degen oder moderner Pistole - die Personen finden in diesem Sammelsurium nie zusammen, weil von vornherein nichts zusammenpassen soll. Und auch von der sinnlichen Kraft dieser wundervollen Oper, vom herüberwehenden Todeshauch unterm erotischen Getümmel ist hier aber auch gar nichts zu hören.

          Auch Franz Welser-Möst enttäuscht

          Das liegt nicht so sehr daran, dass außer Adam Plachetka als selbstbewusstem Masetto eigentlich kein Sängerdarsteller wirklich überzeugen kann. Enttäuschend ist indes auch Franz Welser-Mösts fades, merkwürdig uninspiriertes Dirigat. In den Rezitativen agieren Continuo und Solisten wie unter Betäubung, es fehlen die Anschlüsse, und nie kommt das Brio dieser himmlischen Musik herüber.

          Welch ein Kontrast zum pfiffigen, lustigen, überraschenden „Don Giovanni“ mit Erwin Schrott vor anderthalb Jahren am Theater an der Wien! Wenn am Ende durch ein Kerzenspalier der Steinerne Gast diesen müden Lüstling abholt, ist kein Liebes- und Lebensdrama zu Ende, sondern allenfalls ein trister Caféhausnachmittag für Pensionäre. Für diese Stimmung hätte in der Tat eine einzige Fototapete gereicht.

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