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Wiener Festwochen : Unsere Leichen lachen noch

  • -Aktualisiert am

Ganz Allüre: Edith Clever (l.) mit Caroline Peters Bild: AP

Aus Jean Genets mörderischem Zeremoniell eines Herrschafts- und Unterwerfungsspiels in den „Zofen“ macht Luc Bondy bei den Wiener Festwochen eine todeskomische und liebessüchtige Komödie.

          Wie sich die Zeiten und die Zeichen mischen. Im Wiener Theater Akzent, wo der etwas unbeholfen schäbige Prunk eines Gewerkschaftsfestsaals mit den gehobenen Unterhaltungsbedürfnissen (Revue, Kabarett, Musical) der unteren Zehntausend koaliert, hängt auf der Bühne über einem weißgestrichenen, verschnörkelten gusseisernen Geländer, das eine Treppe ziert, die ins Halbhohe führt, das riesige Bild der Schauspielerin Edith Clever.

          Im Stück „Die Zofen“, das Luc Bondy hier inszeniert, spielt die Clever die „Gnädige Frau“, gegen die Claire und Solange, ihre Dienstboten, einen Giftmordanschlag planen. Leibhaftig auf die Bühne tritt Edith Clever in klitzekleinen Schritten mit eisblondgrauer Perücke, Sonnenbrille, schwingendem Pelzcape über einer erlesenen Seidenbluse und weit geschnittenen Satinhosen wie das Perfektionsgespenst einer konservierten aristokratischen Alten: ganz Allüre, absolute Blickhärte, selbstsichere Verschlossenheit – der in Szene gesetzte Inbegriff dieser Figur.

          Weich und sehnend das Gesicht

          Auf dem bühnenhohen Bild aber, das sozusagen das Idol der „Gnädigen Frau“ darstellen soll, zu dem die beiden Zofen aufschauen, das sie anbeten, das sie verfluchen und gegen das sie anstürmen, ist Edith Clever rund fünfundzwanzig Jahre jünger, weich und sehnend das Gesicht, die Haare offen. Um den Hals trägt sie ein Medaillon, wie es die Clever als Tschechows Olga in Peter Steins Inszenierung der „Drei Schwestern“, damals an der Schaubühne, trug, in jenem gesegneten Jahr 1984, als Botho Strauß, der früher einmal Steins Mitarbeiter war, den „Jungen Mann“ schrieb, einen Roman, der damit beginnt, dass ein junger Mann als Regisseur von Genets „Zofen“ an Schauspielerinnen vom Typ Clever (und Jutta Lampe, die jetzt, in Wien, bei der Premiere im Saal drunten saß und ihrer Kollegin zuschaute) scheitert, weil diese von ihm dauernd wissen wollen, was sie mit den Figuren anfangen sollen, er ihnen aber nur ein Konzept vorschlagen kann, in dem die Rede ist von den „formlosen Gegenwarts- und Zukunftsmenschen“, die sich als „Überlebensmittel“ das strenge, ewige Ritual der Zofen wünschten, die ihrer Herrin die Schuhe wichsen, ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen, den Lindenblütentee vergiften, um sie in einem Akt des Bösen, der für den Dramatiker Genet der heiligste Akt ist, zu ehren, in Abwesenheit der Herrin selbst Herrin und Zofe spielen: „Draußen nämlich hat das Lebendige Schaden genommen. Das Gleich-Gültige verschlang jede Gestalt, jede Opferhandlung. Ihr aber dient wie Tempelprostituierte dem Heiligtum der Abhängigkeit und der Hörigkeit.“

          Lässiges Lesbenpärchen: Sophie Rois (l.) und Caroline Peters

          Das ist ein Bedeutungssatz, der auch von Dieter Sturm hätte stammen können, der damals, bei den „Drei Schwestern“, die ja auch ein Drama der Abhängigkeit und Hörigkeit und des Nichtloskommens sind, der Dramaturg von Stein war und jetzt, bei Bondys „Zofen“, wieder der Dramaturg ist – der Durchdenker eines Theaters, das in seiner Tiefenschichtdurchdringung, seiner Seelen- und Hirnhautdurchschauung und seiner Gebildetheit Äonen von der Post-DDR-Ekel-Ästhetik einer Berliner Volksbühne entfernt ist, mit der und derem Rohputzbühnenbildner Bert Neumann jetzt Bondy als Wiener Festwochenintendant und -regisseur bei den „Zofen“ kooperiert. So kommt über die Zeiten und Zeitverschlingungen zusammen, was eigentlich gar nicht zusammengehört. Aber wunderbar passt.

          Einfach: leben

          Als wäre Luc Bondy der brillant weitergekommene „Junge Mann“ des Botho Strauß, der den „Zofen“-Schauspielerinnen jedwedes Konzeptionelle, verblasene Zeremonielle, Rituelle, alles Überbauhafte, Wolkige austreibt und der seelenlosen, in Kapitalismuskritiktheorie verkrusteten Castorfschen Volksbühne die Wonnen des Individuellen, gar Psychologischen (was ja die Volksbühne mehr scheut als der Teufel das Weihwasser!) hineinreibt. Und als hätten die drei Schauspielerinnen Edith Clever, Caroline Peters und Sophie Rois gar keine Fragen mehr an ihren Regisseur, weil sie alle vier zusammen sich mit Genets „Zofen“ nicht quälen – sondern sie einfach: leben.

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