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Wiener Festwochen : Neun Stunden, neun Leben, neun Schauspieler

  • -Aktualisiert am

Zum Auftakt der Wiener Festwochen ein Sitzfleisch-Test: Neun Stunden dauert „Lipsynch” Bild: Reuters

Das erste große Oberflächen-Drama des Internetzeitalters: Der kanadische Theaterzauberkünstler Robert Lepage verwebt in „Lipsynch“ Schicksal, Tod und Liebe zu einer Komödie der Zufallsverknüpfung.

          5 Min.

          Am Anfang fliegt ein Flugzeug über die Bühne. Man sieht davon aber nur den elegant großen, längs aufgeschnittenen Rumpf. Es ist der Lufthansaflug Frankfurt–Montreal. Überm Rumpf sieht man Wolken jagen, Positionslichter blinken. Sterne funkeln. Eine Stewardess schiebt einen Getränkewagen durch den Gang an den Passagieren vorbei, deren schattenhafte Silhouetten in ihren Sitzen dämmern oder sich in leisem Plaudern zueinander neigen. In der letzten Sitzreihe lässt eine junge südamerikanische Frau einen Plüschteddybären von ihrem Schoß fallen, neigt den Kopf zur Seite. Und stirbt. Ein Baby in der Tasche neben ihr fängt an zu schreien.

          Neun schwerelos leichte Aufführungsstunden, neun komische, verrückt-schreckliche Welten, neun sagenhafte, unglaubliche Geschichten, neun tolle Dramen später schaut der erwachsene Jeremy, der damals im Flugzeug als Baby in der Tasche lag, seiner toten Mutter ratlos liebend und sehnsüchtig trauernd in die Augen. Er hat soeben von einem Videoband, das sie kurz vor ihrem Tod besprach, die furchtbare Lebensleidensgeschichte und Lebensbeichte seiner Mutter erfahren.

          In neunundneunzig von hundert Fällen geht sowas schief

          Jetzt nimmt er sie sozusagen vom Videoschirm herunter, hält das Phantom seiner Mutter in den Armen, in denen sie wie frisch von einem Kreuz abgenommen in Pietà-Haltung hängt. Dazu singt die Opern- und Oratoriensängerin Ada „Wohin ist mein geliebtes Kind verschwunden?“ in höchsten, tremolierend trauernden Pathos-Tönen zu Musik aus Henryk Mikolaj Góreckis dritter Sinfonie. Sie saß damals auch im Flugzeug und nahm sich, exakt so tief erschüttert und berührt wie jeder Zuschauer, der mit ansieht, wenn eine Mutter stirbt und ihr Kind allein lassen muss, des mutterlosen Babys an. Adoptierte es, erzog, liebte, ernährte, bildete, verzog und belog es. Verlor es: ans Leben. Und findet es jetzt wieder: in einer Fügung.

          Unaufhörliche Verwandlung: Einer von neun Schauspielern, die Robert Lepage für sein Welttheater genügen
          Unaufhörliche Verwandlung: Einer von neun Schauspielern, die Robert Lepage für sein Welttheater genügen : Bild: Reuters

          In neunundneunzig von hundert Theaterfällen würde ein Unternehmen, das als Muttertod in den Wolken beginnt und als Video-Kreuzabnahme endet und sich als Inszenierungsmarathon über die Länge eines ganzen Arbeitstags erstreckt, entweder im lähmenden Kitschwust ersticken – wenn die Geschichte nach Höherem strebte; oder in wirrem Konzeptionssumpf versinken – wenn die Geschichte ins Tiefe drängte. Beide Unglücksfälle wären deutsche beziehungsweise europäische Ansatzmöglichkeiten.

          Alles steht im Dienste der Figuren

          Der Kanadier Robert Lepage jedoch, Jahrgang 1957, nennt sein freies Theaterensemble aus Québec ein „Théâtre sans frontières“ (Theater ohne Grenzen), seine Produktionsfirma „Ex machina“. Und wie ein phantasievoller, grenzenloser Maschinist nutzt der Theater- und Filmregisseur, der Dramatiker und Bühnenbildner Lepage die ganze Welt nicht unbedingt als Bühne, aber als Ansammlung von Fäden, die er verwebt, durchschießt, verknotet, auseinanderlaufen lässt, wozu er uralte Bühnentricks und neueste Technik, Video und Internet, die simpelsten Effekte und die raffiniertesten Überrumpelungen mischt. Wenn zum Beispiel in einer dunklen Kirche hinter magisch leuchtenden Kirchenfenstern im Winter die elektronischen Schneeflocken wirbeln. Oder wenn in einer Londoner U-Bahn-Station das Stationsschild „Covent Garden“ einfach an zwei Waggonfenstern vorbeigezogen wird, so dass der Eindruck eines ein- oder ausfahrenden Zuges entsteht.

          Nichts aber bei Lepage führt sich als Technik, sei sie uralt oder blitzneu, selber vor, alles steht im Dienst einer Geschichte, von Figuren, von Menschen, denen er so nahe, so liebevoll, so neugierig auf die Pelle rückt wie selten ein Regisseur neben ihm. Dabei sind seine Produktionen schöne Unfertigkeiten: Sie gehen auf Reisen in alle Welt und wachsen und weiten sich dabei. Sein „Lipsynch“, das er jetzt bei den Wiener Festwochen zeigt, kam 2007 in Québec in fünf Teilen heraus und hat jetzt neun erreicht.

          Soviele Fäden, soviele Schicksale

          Lepage gelingt darin sozusagen das umgekehrte Wunder der Penelope. Die Frau des auf der Heimkehr von Troja verschollenen Odysseus webte ja, um die Freier abzuhalten, die an Haus und Hof und Frau ran wollen, jeden Tag an einem Teppich, den sie über Nacht heimlich wieder auftrennte, um so nie zu einem Ende zu kommen. Lepage webt in „Lipsynch“ einen Teppich beziehungsweise ein Netz, in dem alle Fäden und Maschen und Menschen und Stimmen und Schicksale zusammenkommen, obwohl oder gerade weil sie nichts miteinander zu tun haben und so verwoben sind, dass zwischen sie tausend andere passen und sie allesamt nie zu einem Ende, höchstens zu einem Momentbild kommen.

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