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Wiener Festwochen : Narziss starrt aufs Handy

  • -Aktualisiert am

Von links nach rechts: „Narciss“ und „Echo“ aus Ovids „Metamorphosen“ Bild: Wiener Festwochen

Die Wiener Festwochen erholen sich langsam: Nachdem in den letzten Jahren viele Besucher ausblieben, musste man sowohl Organisation als auch die Künstler hinterfragen. Doch neue Darbietungen geben Grund zur Hoffnung.

          Wer im Programmbuch der diesjährigen Wiener Festwochen blättert, wird feststellen, dass große Opern, sogar zeitgenössische, gänzlich fehlen. Wäre das traditionsreiche Festival nicht in einer Ausnahmesituation, müsste man dies als Alarmzeichen werten. Doch in den letzten Jahren lief derart viel schief, dass sich die Lücke im Musikprogramm als marginales Problem erweist: Um 61 Prozent gingen die Einnahmen der Festwochen seit 2014 zurück, die ökonomische Quittung eines deutlich sichtbaren Publikumsschwunds, der in erster Linie auf mangelnde künstlerische Qualität zurückzuführen ist.

          Insofern war es nachvollziehbar, dass Wiens neue Kulturstadträtin, Veronica Kaup-Hasler, als erste Amtshandlung die Notbremse zog und Tomas Zierhofer-Kin vorzeitig aus seinem Vertrag entließ. Mit Christophe Slagmuylder wurde bis 2024 ein neuer Intendant bestellt, der aus der genreübergreifend denkenden belgischen Kuratorentradition stammt und zuletzt das renommierte Kunstenfestivaldesarts in Brüssel leitete. Dieser Wechsel vollzog sich erst im Juni 2018, was zugleich erklärt, weshalb große Musiktheaterproduktionen im Programm fehlen, denn dafür war die Vorlaufzeit einfach zu kurz.

          Slagmuylder machte aus dieser Not eine Tugend, indem er etliche Produktionen einlud oder neu entstehen ließ, die herkömmliche Grenzen zwischen Schauspiel, Videokunst, Performance und Musiktheater überschreiten. Damit sind nicht etwa Tanzperformances gemeint, sondern vielmehr theatralische Spielformen, in denen überwiegend auf Sprache verzichtet wird, um stattdessen mit Musik atmosphärisch Situationen zu schaffen oder, umgekehrt, aus sprachlichen Fragmenten musikalische Strukturen entstehen zu lassen.

          Eine Kindheit, die einem den Magen umdreht

          Exemplarisch für den ersteren Zugang sei der italienische Theatermacher Romeo Castellucci genannt, dessen Produktion „La vita nuova“ kaum gesprochene Passagen enthält. Den Rest erzählen die Musik (von Scott Gibbons), das Bühnenbild (vom „Plastikart Studio“) und rituelle Handlungen, die fünf wie Priester in Weiß gekleidete Schwarzafrikaner in einer früheren Fabrikhalle vollziehen – zwischen rund zwanzig weiß verhüllten Autos, von denen zwei krachend umgestürzt werden. Dazwischen ertönt ein aus mehreren Quellen gespeister elektronischer Soundtrack, in dem sich unter stets präsente, metallene Alltagsgeräusche zartes Vogelgezwitscher und Zirpen ebenso mischen wie kaum hörbare afrikanische Rhythmen. Erst am Ende liest einer der fünf Schauspieler in einer Art Bergpredigt der kapitalistischen Kultur die Leviten. Ein rätselhaft-vielschichtiger, zivilisationskritischer Abend.

          Das beste Beispiel für Theater, das aus der Sprache heraus musikalische Strukturen bildet, bot ein libanesisches Trio um den Theatermacher Rabih Mroué mit dem Projekt „Borborygmus“. Anfänglich andächtig an einem Tisch mit drei – als Reminiszenz an György Ligeti – in unterschiedlichen Tempi schlagenden Metronomen sitzend, beginnen die drei Performer (Lina Majdalanie, Mazen Kerbaj und Mroué) in aberwitziger Geschwindigkeit und ebenso verschiedenen, oft einander überlagernden Tempi aus ihrer frühen Kindheit zu erzählen.

          Damals war der Libanon noch nicht so verwüstet wie seit dem Beginn des Bürgerkriegs. Selbst die Dutzende, aus Verzweiflung geleerten Schnapsgläser werden anschließend streng rhythmisiert zertreten. Als einige zerknüllte Papierblätter magisch zu brummen beginnen, um anschließend vibrierend in einem Plastiksack zu landen, scheint es, als würde ein irritierter Magen angesichts des derzeitigen Grauens in Nahost nervös zu gluckern beginnen.

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