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Wiener Festwochen : Ibsengestöber

  • -Aktualisiert am

Wenn Regisseuren sonst nichts einfällt, lassen sie es schneien. Und ersetzen Gedanken durch endloses Gelaber.

          2 Min.

          Letzte Dienstfahrt nach Wien. Am Ende eine Kapitulation im Theater erlebt (wie schon so oft). Vor einem großen Stück. Unter zweistündigem unaufhörlichen Schneegestöber (auf der Bühne), mitten im Frühling (draußen). Bekanntes Gelichter, ungemischte Gefühle: Wenn Regisseuren nichts zu dem einfällt, was ihre Einfalt übersteigen müsste, lassen sie es schneien (oder setzen die Szene unter Wasser).

          Das große Stück ist von Ibsen, Henrik. Aus dem Jahr 1896, sein zweitletztes, „John Gabriel Borkman“. Alter, grauer Wolf, Napoleon der Börse und der Erdausbeutung. Ehemals betrügerischer Finanzjongleur. Erst fünf Jahre Knast. Dann acht Jahre freiwilliger Hausarrest (auf dem Dachboden). Frauenverschacherer und Liebesmörder. Hat die geliebte Ella seinem auf Ella gierigen Bankchef abtreten wollen, Ellas ungeliebte Schwester Gunhild geheiratet, in Ella die Liebe abgetötet; Ella verweigert sich Bankchef; Bankchef lässt Borkman hochgehen.

          Lebensbilanzfälscher. Alter Wolf kämpft um jungen Wolf, seinen Sohn Erhart; auf jungen Wolf hoffen auch sterbenskranke Tante Ella und harsche Mama Gunhild. Junger Wolf flieht aber mit seiner Geliebten Fanny in den Süden. Alter Wolf stirbt in Eis und Finsternis; Schwestern reichen sich über der Leiche die Hände. Das große Stück aber handelt und lebt nicht vom Stenogramm des Erzählbaren. Sondern von unheimlichen Welten, sicher untergehenden (die Welt von Borkman), eventuell kommenden (die Welt von Erhart). Der Grundton: schwarzer Optimismus bei hellem Pessimismus. Passt so.

          Man muss das nicht „nach“ Ibsen spielen. „Von“ Ibsen genügt. Umschreibhände weg von Henrik! Denn er schlägt zurück. So wie jetzt in Wien, wo ein junger Spielvogthallodri (dessen Namen nichts zur Sache tut) mit australischem Migrationshintergrund, dem sie gerade die deutschsprachigen Subventionsasyltöpfe hinterhertragen (gestern Oberhausen, heute Wien, morgen Basel), die Tragödie „John Gabriel Borkman“ umgejuxt hat. Unter Dauerschneegestöber. Aber mit eigenem Text, der naturgemäß noch einmal Tantiemen einfährt und einer Studententheater-Comedy zur mittelmäßigen Ehre gereichen würde.

          Zum Beispiel damit, dass Borkman in seinem freiwilligen Dachstuhlgefängnis „in Flaschen pisst“; dass Mama Gunhild eine an den eh schon sehr aufgerauten Stimmbandgrenzen der Schauspielerin Minichmayr entlangschrammende Schnapsdrossel, Tante Ella eine in den Schnoddrigkeitslüsten der Schauspielerin Peters absaufende Karzinomdrossel, Borkman ein an den Übergeschnapptheiten des Aggression-en- gros-Schauspielers Wuttke sich öde abarbeitender Langhaarpenner ist; dass Erhart bei den Jusos Karriere machen könnte – und so fort.

          Sie alle liegen unter meterhohen Schneewehen, kriechen darunter hervor, sehnen sich nach Britney Spears und Stefan Raab, berichten von Unterwäschestalkern und diskutieren die Vorteile des Internets. Wo Ibsen mit einem Gedankenstrich auskommt, streichen sie Gedanken, ersetzen das aber durch endloses Gelaber. Und wo Borkman bei Ibsen die Liebe in Ella getötet hat, da wirft sie ihm beim Wiener australischen Umschreiber vor, dass er à la „Bravo“-Gartenlaube das „Band zwischen mir und meiner Schwester zertrennt hat“, denn zu dritt hatten sie ja ganz guten Sex.

          Ibsen wird von einer öffentlichen Angelegenheit im Land der Menschheitsfragen zu einem privatistischen Blödheitsgestöber im Land der Seifenopern. Ibsen aber, der Starkkopf, keilt zurück: Er lässt seine Bearbeiter als Flachköpfe dastehen. Sie aber konnten wohl nichts anderes. Allerdings hysterisch beklatscht vom Wiener Festwochenpublikum. Ohne mich.

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