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Wiener Festwochen : Kommt eine Ziege zu Einstein an den Strand

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Die vertane Chance, „Kraanerg“ schlüssig neu zu deuten, fügt sich leider in eine Reihe von verunglückten Festwochen-Projekten: Zum Auftakt des Musikprogramms mit Chorwerken von Arnold Schönberg entrollte Ulla von Brandenburg im schmucken Jugendstiltheater bloß riesige bunte Stoffbahnen, was angesichts der fordernden Stücke dem routinierten Schoenberg Chor unter Er­win Ortner aufgrund der nötigen Raumaufteilung das Singen noch schwerer machte.

Satoko Ichiharas Performance über „Madama Butterfly“ entpuppte sich wiederum als flache japanische Beauty-Soap-Opera, und Damian Rebgetz’ „We Had A Lot Of Bells“ verlor sich nach elektroakustisch interessant verfremdeten Glockenklängen (von Ro­bert Schwarz) rasch in langatmigen Er­zäh­lungen über das Verschwinden der Glocken und langweiligen Sit-ins mit live gespielten Popsongs. Die Uraufführung von Marko Nikodijevic’ szenischer „Phan­tasmagoria“ musste schließlich „aus produktionstechnischen Gründen“ überhaupt abgesagt werden.

Absurde Gestaltungshyperbeln

Die Reihe der Misserfolge dieser Festwochen, den bislang wohl seichtesten unter Christophe Slagmuylders Leitung, wurde zuletzt durch ein Gastspiel des Theaters Basel fortgesetzt, das wenige Tage nach der Schweizer Premiere Philip Glass’ legendäre Anti-Oper „Einstein On The Beach“ zeigte, die danach bei den Berliner Festspielen zu sehen sein wird.

Ein postapokalyptischer Tempelberg, übersät mit Flugzeugresten, steht auf der sich unentwegt drehenden Bühne von Markus Selg im Wiener Museumsquartier. Sie darf während der dreieinhalb Stunden, als „begehbare Installation“, auch betreten werden, sodass man die rituellen Handlungen der priesterartig gekleideten Avatare mit ihren grellen Stirnlampen auch aus der Nähe beobachten kann: Ein Feuer wird geschürt, eine echte Ziege gefüttert, ein steinernes Stierskelett angebetet, zuletzt auch noch eine offenbar gekreuzigte Frau zu Grabe getragen. Diesem an die Orientalismen des neunzehnten Jahrhunderts erinnernden Szenario wird durch zwei horizontal über der Bühne laufende Videobänder, auf denen sich farblich verändernde Bäume, Farne und Magma zu sehen sind, ein futuristischer Touch verliehen.

Publikum nicht überzeugt

Was hat diese von Susanne Kennedy inszenierte Performance mit der Musik von Philip Glass zu tun, die bei ihrer Uraufführung 1976 dem Musiktheater neue Impulse verlieh? Nichts. Obgleich „Einstein On The Beach“ nur durch etliche Violinsoli (Diamanda Dramm) und Zahlen-Chöre (die maskierten Basler Madrigalisten) auf den titelgebenden Physiker und passionierten Amateurgeiger Bezug nimmt, reflektiert Glass’ repetitive Musik durch minutiöse Veränderungen und schier endlos scheinende Schleifen doch das Verhältnis zwischen Raum und Zeit – und ist somit Einsteins Gedankenwelt näher, als es auf den ersten Blick scheint.

Das ignoriert Kennedy mit ihrer plakativen Esoterik. Bis auf die Videos verändert sich nichts außer der Musik, die das Ensemble Phönix unter André de Ridder präzise, manchmal jedoch etwas zu bedächtig spielt, zudem übertönt von überlaut mikrophonierten Sprecheinlagen. Anstatt den bedrohlich aufkeimenden Irrationalismen unserer Gegenwart kritisch entgegenzutreten, befördern die Wiener Festwochen diese auch noch. Eine Bankrotterklärung, die mit der Flucht von rund der Hälfte der Zuhörer quittiert wurde.

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