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Gürbacas „Don Giovanni“ : So scheint der Mann den Frauen ein Halt

Don Giovanni (Birger Radde, rechts) erwartet Masetto (Stephen Clark, Mitte) und dessen Mannen. Bild: Joerg Landsberg

Tatjana Gürbaca sollte 2020 in Bayreuth den „Ring“ inszenieren. Daraus wird nun nichts. In Bremen beweist sie bei „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart ihr Interesse an genauer Personenregie.

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          Donna Anna liebt offenbar Fesselspiele mit verbundenen Augen. Wenn sie ihrem Ent- und Verführer Don Giovanni zusingt: „Hoff bloß nicht, dass du mir entkommst; du müsstest mich schon töten“, dann heißt das bei der Regisseurin Tatjana Gürbaca am Theater Bremen so viel wie: „Ich lass dich nicht los; mach weiter, bis ich nicht mehr kann.“ Hosen, Strümpfe, Unterwäsche, alles reißen sich Birger Radde als Don Giovanni und Mima Millo als Donna Anna vom Leib, gehetzt von ihrer eigenen Lust, die eben auch die Lust der Frau ist, weshalb sie, dem Mann ebenbürtig, sofort als Lustsubjekt auftritt, als Täterin, nicht bloß als Beute. Donna Annas „Nein“ ist also kein „Nein“, sondern ein Zeichen des Einvernehmens.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          „Ich will und will auch nicht“, wird die junge Bäuerin Zerlina später in ähnlicher Situation singen. Wolfgang Amadeus Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte interessierte das Komplexe und Uneindeutige, das Ineinander von Erpressung und Vorteilsspekulation bei strategischen Beischlafverabredungen mit sozialem Gefälle. Und Gürbaca hat kein Interesse daran, diese Komplexität unter dem Eindruck der MeToo-Debatte zu vereinfachen. Für sie ist der Stoff des „Don Giovanni“ auch keiner über Tugend und Schuld, sondern über Lust und Sinn in einer Welt, von der kein Mensch weiß, wer sie eigentlich gewollt hat.

          Intensive Personenregie

          Oft habe man ihr Mozarts Oper zur Inszenierung angeboten, immer wieder habe sie abgelehnt, ließ Gürbaca das Theater Bremen über eine Presseerklärung verbreiten. Sie nimmt sich als Regisseurin eben Zeit, was dem Vernehmen nach auch der Grund ist, weshalb sie nun doch nicht als erste Frau in der Geschichte der Bayreuther Festspiele 2020 Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ inszenieren wird, sondern Valentin Schwarz an ihrer Stelle. Anderthalb Jahre waren die konzeptionellen Vorgespräche schon gediehen, die Verträge fertig, da hieß es diesen Sommer plötzlich, Gürbacas Vorstellungen von den Probenzeiten ließen sich in Bayreuth nicht umsetzen. Man suche nach anderen Möglichkeiten einer künftigen Zusammenarbeit.

          Der Bremer „Don Giovanni“ lässt nun zumindest ahnen, was beim Proben viel Zeit brauchen könnte: intensive Personenregie. Denn das Verhältnis zwischen Donna Anna und Don Giovanni ist hier genau durchgearbeitet als eines der einseitigen Abhängigkeit. Donna Anna fleht geradezu nach Berührungen, Nähe, Zuwendung und nutzt jede unbeobachtete Gelegenheit zum Körperkontakt. Komplex ist auch die Reaktion der dörflichen Frauen in ihren südosteuropäischen Kostümen (entworfen von Silke Willrett), als Leporello bei der Aufzählung der Frauen seines Herrn Polaroid-Bilder verstreut.

          Die Frauen wühlen in den Bildern und eignen sie sich an: Voyeurismus, Schadenfreude, Selbstschutz, ja, gewiss, das alles treibt sie an, aber auch die Bestätigung, gesehen worden zu sein, Würdigung und Begehren erfahren zu haben in einer trostlosen Umgebung. Die Bühne von Klaus Grünberg zeigt eine Landschaft mit verbrannter Erde, verkohlten Büschen und einer Grube, worin der tote Komtur, Donna Annas Vater, liegt. In dieser Öde scheint den Frauen der begehrende Mann ein letztes Lebenszeichen, ein letzter Halt zu sein.

          Ein Mann ohne Motive

          Nur bleibt bei Gürbaca unklar, was Don Giovanni antreibt zu einer Selbstzerstörung, die vor allem als körperliche sichtbar wird und deren Ursachen verborgen bleiben. Wovon kommen seine Würgekrämpfe und Hustenanfälle, die offenen Beine, die blutüberströmte Brust? Gürbaca liefert dafür nicht einmal Indizien. Don Giovanni bleibt ein Rätsel, ein Mann ohne Motive und Geschichte. Auch die Sinnleere, die Gottverlassenheit dieser Welt wird bestenfalls durch die Bühne behauptet, aber durch kein Verhalten, keine Stimmung beglaubigt oder begründet. Dem großartig agierenden Leporello von Christoph Heinrich sieht und hört man hingegen an, dass Don Giovanni – als Kamerad in einem Spiel auf Leben und Tod – auch sein einziger Halt ist in dieser Welt. Seinen Schrei am Grab des Freundes und die leeren Augen danach wird man so schnell nicht vergessen.

          Nun ist dieser Schrei aber durch den Dirigenten Hartmut Keil dramaturgisch gut vorbereitet worden, nämlich durch Arbeit an der Harmonik. Keil hat sich mit den Bremer Philharmonikern keineswegs von gegenwärtigen Trends dazu verleiten lassen, artikulatorische Schärfe bis ins Geräusch zu übersteigern und bei den Tempi zu rasen.

          Er setzt vielmehr auf Zuspitzungen der Lautstärke und der Phrasierungen, um die Schrecken harmonischer Prozesse – Spannungen, Irrgärten, Abstürze – bei Mozart zu modellieren, von denen der verminderte Septakkord beim Eintritt des toten Komturs (Loren Lang) nur der berühmteste ist, der ohne eine durchdachte Architektur jedoch wirkungslos wäre. Auch wenn sich Keil am Hammerklavier in der Begleitung der Rezitative manchen Scherz erlaubt und bei Don Giovannis Behauptung, er habe auch das Mädchen verführt, dem Leporellos Neigungen gelten, eine Habanera wie aus Georges Bizets „Carmen“ andeutet, bleibt er doch als Dirigent ernsthaft interessiert an einer Tragödie des Hörens.

          Birger Radde ist ein Don Giovanni von großer stimmlicher Attraktivität: kraftvoll, schmeichlerisch, wohltönend, jemand, der Gesangstechnik restlos als Mittel sozialer Manipulation einzusetzen weiß. Mima Millo als Donna Anna und Patricia Andress als Donna Elvira fehlen bei aller Ausdrucksstärke und jugendlichem Glanz zuweilen stimmliches Ebenmaß in allen Registern und Zielsicherheit in der Gestaltung. Hyojong Kim singt einen äußerst delikaten Don Ottavio, und viel Freude hat man am intelligent dosierten, psychologisch schattierten Schönklang von KaEun Kim als Zerlina und Stephen Clark al Masetto.

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