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Russell Maliphants „The Thread“ : Wie im Licht der Ägäis

  • -Aktualisiert am

„The Thread“ im Rahmen der 17. Movimentos Festwochen in Wolfsburg Bild: Matthias Leitzke

Volkstänze galten lange Zeit als nichtauthentische Kunst westlicher Kulturhegemonie: Doch Russell Maliphant versteht es in Wolfsburg mit „The Thread“, das Genre eloquent wiederzubeleben.

          Es ist ein ganz natürlicher Reflex des zeitgenössischen Tanzes, rekonstruieren zu wollen, was die Geschichte des modernen Tanzes an bewahrenswerten Werken birgt. Bislang sind es vor allem die klassischen Werke des neunzehnten Jahrhunderts, deren aufsehenerregende Rekonstruktionen vornehmlich von russischen Experten wie Yuri Burlakov oder Alexei Ratmansky endlich für Diskussionsgrundlagen sorgen, wie man sich Stil und Aufführungspraxis bei Marius Petipa und Lew Iwanow vorstellen darf. Aber seit einigen Jahren holt der zeitgenössische Tanz auf. München, Osnabrück und Saarbrücken versuchten sich in den letzten Jahren mit unterschiedlichem Erfolg an Werken der Ausdruckstanz-Ikone Mary Wigman oder von Kenneth MacMillan, Linz rekonstruierte Johann Kresniks gerade mal dreißig Jahre altes Stück „Macbeth“.

          Was aber lange wirklich niemanden interessierte, sind die Volkstänze. Es ist Jahrzehnte her, dass Tanzensembles vom afrikanischen Kontinent oder aus Indien in Europa auftraten. Irgendwann galt das als nichtauthentische Kunst, als inakzeptables Produkt westlicher kultureller Hegemonie. In der DDR gab es Volkstanzensembles auf professionellem Niveau, in der Sowjetunion begann die Tanzausbildung mit Folklore, was bestimmte tänzerische Qualitäten womöglich erst hervorbringt. Nur wer selber aus einer starken Volkstanztradition kommt und in dieser auch von Kindheit an geschult wurde, weiß um die Schönheiten dieser Gemeinschaftstänze.

          Nun ist der berühmte britische Choreograph Russell Maliphant wirklich sehr viel weiter gegangen. Die achtzehn größtenteils griechischen Tänzer seines Ensembles fügen in „The Thread“ in den Fluss eloquenter, kraftvoller, zeitgenössischer Bewegung, wie man sie von Maliphant kennt, ganze Sequenzen griechischer Folklore ein. Das ist wunderschön anzusehen. Diese Reigen und Leiberketten, das Hindurchgleiten unter den Armen der anderen, das Wiegen und ruhige Drehen, alle diese einfachen, schlichten Figurationen erinnern an die Ursprünge des Tanzes im religiösen Ritual und als Brauchtum bei Festen in Dorfgemeinschaften und Familien. Dass der Chor in der Antike auch das Drama mit Bewegung illustrierte, ist Maliphants Hommage an die griechische Folklore nicht anzumerken. Rhythmisch gleitet das Stück gleichmäßig dahin wie ein Segelschiff an einem Augustmorgen in der Ägäis.

          Mit dem Titel „The Thread“ spielt Maliphant auf den Faden der Ariadne an, mit dem Theseus den Ausweg aus dem Labyrinth des Minotaurus fand. Das in der Autostadt Wolfsburg im Rahmen des Festivals „Movimentos“ gezeigte Stück ist trotzdem nicht die Lösung der Krise des Tanzes. Zwar sind die antikisierenden Gewänder der Modeschöpferin Mary Katrantzou sehr schön und tanzt auch das Ensemble hinreißend. Aber der Sound des „Blade Runner“Komponisten Vangelis ist trotz traditioneller Zitate zu oft Dröhnen elektronischer Bässe auf emotionalem Überwältigungskurs. Das hat die feine Choreographie gar nicht nötig, es erdrückt sie akustisch eher.

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