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Brechts „Baal“ in Berlin : Er flieht vor dem Tod ins Leben

  • -Aktualisiert am

Tollwütiger Hamster: Stefanie Reinsperger als „Urtier Baal“ Bild: Birgit Hupfeld

Auf trunkenen Poetenpfaden: Ersan Mondtag inszeniert Bertolt Brechts Stück „Baal“ am Berliner Ensemble – gespielt von Stefanie Reinsperger.

          Der Vollmond strahlt hell und klar über der Inszenierung von Bertolt Brechts „Baal“ im Berliner Ensemble. Nur manchmal ist er grün, aber da geht es Baal gar nicht gut (Mutter gestorben, Geld versoffen, Wetter schlecht). Der Regisseur Ersan Mondtag lässt den Vollmond wie eine magische Kraftquelle aus ferner Höhe herableuchten – kalt, verführerisch, rätselhaft. Ganz ähnlich ist die Wirkung von Baal, nur ist der manchmal blau, nicht grün.

          Der Rausch freilich gehört zu seinem Verständnis von einem jungen, wilden Dichter ohne Grenzen oder Tabus: „Leben will ich! Eure Sonne schnaufen!“ Ersan Mondtag hat für seine Inszenierung eine eigene Bühnenversion von Clara Topic-Matutin verwendet, die auf den vier zwischen 1918 und 1955 entstandenen Fassungen von Brechts Frühwerk beruht. Außerdem hat er die meisten Frauenrollen mit Männern und die Männerrollen mit Frauen besetzt. Das eine erscheint philologisch gründlich, das andere modisch kokett. Doch das stimmt nicht, denn Mondtag weiß genau, was er tut, wenn eine Frau über Stefanie Reinsperger als Baal zu sagen hat: „Er hat getrunken“, und eine andere antwortet: „Und ich liebe ihn.“ Oder wenn eine Kellnerin flirtet: „Sie sind einer, Herr Baal!“ Diese Differenz indes wird nie thematisiert, Baal ist nicht lesbisch oder transsexuell und auch keine Frau, Baal ist ein Mann und wird von einer Schauspielerin dargestellt (wie 1999 Angela Winkler bei Peter Zadek den Hamlet spielte).

          Diskurs über Geschlecht und Leidenschaft

          Ebenso selbstverständlich verkörpert die großartige Judith Engel Baals Mutter und dessen Schüler Johannes, oder Kate Strong Baals Jugendfreund Eckart. Anfangs überlegt man trotzig, wer da eigentlich wem an die Wäsche will oder wer sich warum in welches Rollenmuster fügt. Aber bald beginnt sich der Diskurs über Geschlecht und Leidenschaft zu verflüssigen und Ersan Mondtags klug ausgesteuerte Inszenierung lenkt den Blick des Publikums ohne Filter einfach auf unterschiedliche Menschen in komplexen Situationen.

          Expressionistisch inspirierte Bühnenbild samt mittelalterlich windschiefen Häuschen: das Bühnenbild von Marcel Teske.

          Souverän transzendiert sie die Begriffe in den Köpfen und die Realitäten auf der Theaterbühne, dem Original damit näher, als es seine direkte Erfüllung erlaubt hätte. Natürlich kann man dem jungen Regisseur vorwerfen, dass er in der so phantastischen wie humorvollen Aufführung durch die Cross-Gender-Besetzung den Lyriker und Homo eroticus Baal bevorzugt und den Gesellschaftskritiker und Homo politicus Brecht ignoriert. Aber muss denn Bertolt Brecht heute wirklich immer noch als ausbeuterischer Weiberheld angezählt und Baal als sein maßlos aufgeblasenes Spiegelbild zerfetzt werden? Wohl kaum, und was stattdessen zu gewinnen ist, zeigt Ersan Mondtag: Die betörende Freiheit des Denkens und Fühlens. „Ich fliehe vor dem Tod ins Leben“, betont Baal stets, und da die anderen um ihn herum das zwar auch wollen, aber nicht schaffen, verfallen sie ihm als „Stellvertreter“. Der hat daran kurz Spaß, dann zieht er weiter seine trunkenen Poetenpfade.

          Welttheater mit spieldosenhafter Musik

          Fast das gesamte Ensemble ist zeitweise in fleischfarbene Ganzkörperoveralls gekleidet, auf die nackte Frauen gemalt sind. Ersan Mondtag hat sie zusammen mit Annika Lu Hermann entworfen, und mit Marcel Teske auch das expressionistisch inspirierte Bühnenbild samt mittelalterlich windschiefen Häuschen, einer „Baar“ mit eng bestückten Flaschenregalen bis zum Plafond, einer angedeuteten Waldhütte, um die abstrakte Schimären von Bäumen aufragen. Die einzelnen Örtlichkeiten sind auf eine Drehbühne gebaut, was den schnellen Wechsel etwa von Baals Dachkammer auf die Gasse erlaubt, wo Baal vom Balkon herab dem Geistlichen und dessen Sängerschar trotz ihrer anrührenden Darbietung von Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“ die Gefolgschaft verweigert.

          Ansonsten hält die schöne, spieldosenhafte Musik von Eva Jantschitsch das kleine Welttheater mit zirzensischer Energie und farbigen Moritaten auf Touren. Vor dem roten Vorhang liegt ein lebensgroßes Plüschzebra, bei dem Baal mitunter Ruhe findet, zu dem er manchmal eine Damenbekanntschaft abschleppt oder wo er mit Eckart nicht gerade kameradschaftlich kuschelt. Die grandiose Stefanie Reinsperger im schwarzen Anzug zum weißen Hemd gibt diesem „Urtier“ Baal, ein „aufgedunsener Kosmos“ und „tollwütiger Hamster“, wie der Gottesmann flucht, die Gnade der virtuos gebrochenen Perspektive. Sie kann seine stereotypen Männer-und-Künstler-sind-Schweine-Attitüden beherzt ausspielen, weil sie bei ihr als Frau entschieden verfremdet wirken.

          Ist Baal schon bei Brecht nicht zu bremsen, so ist er in ihrer raffiniert-rabiaten Darstellung gar nicht mehr zu fassen: Eine phänomenale Leistung über die Geschlechtergrenzen hinweg. Wenn Baal am Schluss in einer opiumhöllenartigen Apokalypse stirbt, riskiert er noch einen schnellen Blick zum Himmel: „Verflucht. Sterne. Hm.“ Was in seinen eigenen Worten ungefähr bedeutet: „Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt.“ Das hätte kein Mann besser sagen können.

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