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Pauline Viardot-García : Zu französisch, zu deutsch, aber unrussisch

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Die Sängerin und Komponistin Pauline Viardot-García (1821-1910), historische Fotografie von Heinrich Graf, Berlin 1866 Bild: Stadtbibliothek Baden-Baden/Archiv Beatrix Borchard

Vor zweihundert Jahren wurde die Sängerin und Komponistin Pauline Viardot-García geboren. Sie war eine Zentralfigur des musikalischen Kulturtransfers in Europa und setzte sich für die Rechte von Frauen in der Musikwirtschaft ein.

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          „Ich zähle auf Sie, dass Sie in der Kunst die Revolution machen, die das Volk gerade in der Politik macht“, lautete der Auftrag, den George Sand, eine der wirkmächtigsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit, im Jahr 1848 der erst siebzehnjährigen Musikerin mit auf den Weg gab. Pauline García war am 18. Juli 1821 in Paris geboren worden, in einer Familie, in der man Musik buchstäblich atmete. Von den drei Kindern des spanischen Sängerehepaars Manuel García père und Maria-Joaquina Sitchez war sie das jüngste. Ihr Bruder Manuel Patricio Rodríguez García erfand als Gesangspädagoge später den Kehlkopfspiegel; ihre Schwester Maria Malibran wurde zu Europas Primadonna des Belcantos, die dank Cecilia Bartoli heute wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt worden ist. Die prägenden Kinderjahre verbrachte Pauline García mit ihrer Familie „unterwegs“, also außerhalb sogenannt geordneter bürgerlicher Verhältnisse. Das bedeutete damals für ein Mädchen ungewöhnlich viel Spielraum jenseits geschlechtsspezifischer Erwartungen sowie die Förderung aller nicht nur musikalischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in einer Operntruppe benötigt wurden bis hin zur Herstellung von Kostümen und Dekorationen.

          Zuerst wurde sie zur Pianistin ausgebildet, sogar von Franz Liszt, dann nach dem frühen Tod der Schwester zur Sängerin. Ihre Karriere führte sie in die europäischen Musikmetropolen der damaligen Zeit. Deutschland, England, Russland waren ihre Hauptauftrittsländer. In Frankreich reüssierte sie erst 1849 als Fidès in Giacomo Meyerbeers „Le prophète“, dann 1859 als Orphée in einer gemeinsam mit Hector Berlioz erarbeiteten Version der Gluck’schen Oper. Doch bereits mit 42 Jahren zog sie sich von der Bühne zurück, um mit ihrem Mann Louis Viardot und vier Kindern in der „Sommerhauptstadt Europas“ Baden-Baden zu leben. In enger Zusammenarbeit mit dem russischen Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Turgenjew widmete sie sich nun ganz dem Komponieren sowie dem Unterrichten. Vor allem in ihren Bühnenstücken verknüpfte sie beides eng miteinander.

          Sie vertonte Goethe und Heine, aber auch Puschkin und Fet

          Von Anbeginn ihrer Karriere hatte sie sich nicht nur als überragende Sängerdarstellerin auf der Bühne präsentiert, sondern in Konzerten und Salons zugleich als Pianistin und Komponistin. Sie sammelte und bearbeitete Volksmusik verschiedener Länder und Regionen; galt bald auch als Spezialistin für Musik vergangener Epochen. Für eine international agierende Sängerin war es weder außergewöhnlich, dass sie verschiedene Sprachen beherrschte, noch dass sie diese musikalische Vielseitigkeit besaß. Es waren ihre – auch im stilistischen Sinn – mehrsprachigen Kompositionen und Bearbeitungen, die sie zu einer außerordentlichen Erscheinung machten.

          Bis heute birgt ihr Werk bezogen auf aktuelle Diskussionen über Formen des Kulturtransfers so manche Herausforderung: Wie es einordnen, wie mit ihm umgehen? Pauline Viardot komponierte spanische Boleros, italienische Canzoni, französische Romances, Mélodies und Chansons, vertonte Gedichte von Mörike, Goethe und Heine als deutsche Lieder sowie Gedichte von Puschkin, Kolzow und Fet als russische Romanzen. Ihr im Internet zugängliches Werkverzeichnis von Christin Heitmann (https://www.pauline-viardot.de/Werkverzeichnis.htm) belegt ihre musikalische Vielsprachigkeit bis hin zum Bereich der Popularmusik, ein Werbesong für eine exotische Seife inbegriffen.

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