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Pauline Viardot-García : Zu französisch, zu deutsch, aber unrussisch

  • -Aktualisiert am

Sie tauchte im Reichtum unterschiedlicher Kulturen

Diese musikalische Vielsprachigkeit hatte durchaus auch eine politische Dimension. Ihre Freundschaft mit George Sand, dann die frühe Eheschließung mit Louis Viardot, einem profilierten Republikaner, schließlich ihre Zusammenarbeit mit Turgenjew prägten ihr Selbstverständnis als Künstlerin. Ästhetische Fragen waren für sie auch politische Fragen. Deswegen kann Pauline Viardots Arbeit als Konzertsängerin, Komponistin, Bearbeiterin, Sammlerin, Herausgeberin, Förderin durchaus als bewusster Gegenentwurf zu einem national begründeten kulturellen Hegemonieanspruch gelten. Clara Schumann oder Joseph Joachim beispielsweise verstanden sich auf Konzertreisen in andere Länder – und auch als Unterrichtende von Schülern und Schülerinnen aus aller Welt – als Botschafter spezifisch deutscher Musik, weil sie von deren kultureller Überlegenheit überzeugt waren. Pauline Viardot hingegen tauchte singend, sammelnd und komponierend hinein in den Reichtum unterschiedlicher Kulturen, erkundete so die musikalische Vielfalt menschlicher Ausdrucksformen und vermittelte sie interkulturell.

Der preußisch-französische Krieg 1870/71 setzte dem friedlichen Zusammenleben von Deutschen, Russen, Franzosen und Engländern in Baden-Baden ein jähes Ende. Die nationalistischen Entwicklungen in West und Ost trafen Pauline Viardot hart. Für sie als Angehörige der nunmehr als „feindlich“ geltenden Nation gab es im neu gegründeten Deutschen Reich keine Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten mehr. Doch sie blieb sich treu: Im Londoner Exil, dann nach dem Kriegsende zurück in Paris engagierte sie sich weiter für die Verbreitung deutsch-österreichischer Musik in Frankreich. In ihren Salons stellte sie Bach-Kantaten vor und gab Schubert-Lieder auf Französisch heraus.

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Gleichzeitig entwickelte sie wie Meyerbeer, Gounod, Massenet oder Fauré ein spezifisch französisches Liedgenre, die mélodie, förderte eine junge Generation französischer Komponisten bei der Entwicklung einer als genuin französisch verstandenen Musik und veranstaltete gemeinsam mit Turgenjew Salons, in denen vor allem russische Musik erklang und russische Literatur vorgestellt wurde. Kulturelle Vielstimmigkeit im sozialen Handeln zu präsentieren ist jedoch etwas anderes, als sie selbst zu komponieren. So galt ihre eigene Musik rasch in Frankreich als zu deutsch, in Deutschland als zu französisch, in Russland als nicht russisch. Die Verankerung in den noch immer national geprägten Kanons des Gedenkens hat das erschwert.

Die junge französische Republik bestellte 1848 bei ihr eine Kantate

Geboren neun Jahre vor der französischen Julirevolution 1830, gestorben vier Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, erlebte die Musikerin den Wechsel von politischen Aufbruchs- und Restaurationszeiten und einschneidende technische, ökonomische und kulturelle Veränderungen. Besonders setzte sie sich mit Fragen nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Künstlerinnen und Künstlern in einer Welt auseinander, in der im Zuge der Herausbildung eines grenzüberschreitenden kapitalistischen Marktes auch Musik immer mehr zur Ware wurde. Außerdem engagierte sie sich im Kampf von Frauen um die ihnen trotz der „Grande Révolution“ weiterhin verweigerten Bürgerrechte und komponierte 1848 als Auftragswerk für den Festakt im Théâtre de la République die Revolutionskantate „La Jeune République“ zu Versen von Pierre Dupont für Tenor-Solo, gemischten Chor und Klavier. Zum Verständnis des musikalischen Konzepts einer Pauline Viardot gehört auch dieser historische Kontext.

Bei aller möglichen Skepsis gegenüber Gedenktagen und -jahren birgt der zweihundertste Geburtstag von Pauline Viardot-García die Chance, die musiksprachliche Vielfalt des neunzehnten Jahrhunderts jenseits national- und gattungsbezogener Geschichtsschreibung neu zu entdecken. Vor allem ließe sich diskutieren, inwieweit auch musikalische Vermittlung und kulturelle Transfers Leistungen eigenen Ranges sind. Zudem regt der Jahrestag an, etwa im vergleichenden Blick auf einen musikalischen Europäer wie Franz Liszt, über die jeweilige Bedeutung des Geschlechts für die Frage nachzudenken, wessen Werk und Wirken als geschichtsfähig anerkannt und tradiert wurde und wessen nicht.

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