https://www.faz.net/-gqz-a6v7t

Konzertproben auf Abstand : Ein Kammerorchester voller Solisten

  • -Aktualisiert am

Der Nachwuchs macht sich mit neuen Bedingungen bekannt: Studierende in der Orchesterausbildung an der Frankfurter Hochschule für Musik im November Bild: Lucas Bäuml

Bis auf Weiteres spielen die Orchester in Deutschland auch im Lockdown mit Abstand. Was stellt das mit den Klangkörpern an? Sind Traditionen in Gefahr?

          5 Min.

          Manchmal braucht es in der Musik ein Bild aus dem Sport. „Wenn das Fußballfeld plötzlich doppelt so groß ist, kommen die Flanken eben nicht mehr so genau ans Ziel.“ Stefan Dohr, Solo-Hornist und Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker, fasst damit die Situation zusammen, in der sich die Symphonieorchester befinden, seit sie coronabedingt auf Abstand spielen müssen. Eineinhalb Meter Distanz zwischen den Streichern, zwei Meter zwischen den Bläsern, so wird es nach wie vor – auch im Lockdown – bei den meisten Ensembles gehandhabt. Die anfängliche Freude der Musiker, überhaupt wieder gemeinsam spielen zu können, wich schnell dem Unbehagen über die Situation. Dirigenten wie Daniel Barenboim, Kirill Petrenko und zuletzt Iván Fischer im Gespräch mit dieser Zeitung klagen über die Auswirkungen auf das Zusammenspiel.

          Das lenkt den Blick auf einen Organismus, dessen Innenleben dem Konzertbesucher gewöhnlich verborgen bleibt. Dass aus der neuen räumlichen Entfernung klangliche Verzögerungen entstehen; dass Flötist und Klarinettist, zwei Meter hintereinander sitzend, den Eindruck haben, sie spielten zusammen, während der Dirigent sie an seinem Pult versetzt hört, solche Verschiebungen bildeten gar nicht einmal die größte Herausforderung, sagt Stefan Dohr. Folgenreicher sei, dass sich die einzelnen Instrumentengruppen kaum mehr als klangliche Gemeinschaft wahrnehmen könnten. „Bei einem Posaunenchoral wie im letzten Satz von Johannes Brahms’ vierter Symphonie ist es kaum möglich, einen gesättigten, gemischten Klang zu erzeugen. Die einzelnen Töne verbinden sich nicht mehr zu einem homogenen Akkord.“ Dass ein Klang, der perfekt ausgestimmt ist, eine eigene Energie entwickelt und die Spieler gleichsam trägt, dieser Effekt entfällt. Und damit eine Sicherheit, die orchestrale Hochleistung befördert. Man spiele vorsichtiger in der aufgefächerten Sitzordnung, kämpfe aber gleichzeitig darum, dass das Ergebnis auch nicht zaghaft erscheine, berichtet der Solo-Hornist. Zaghaftigkeit will man sich als Berliner Philharmoniker nun wirklich nicht vorwerfen lassen.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            Sonntagszeitung plus

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Christliche Nationalisten : Biden und die Armee Gottes

          Joe Biden macht den christlichen Anhängern Donald Trumps ein Angebot. Doch ein großer Teil von ihnen sind Nationalisten, die das Land für die weißen Christen zurückholen wollen. Biden sehen sie da nur als Feind.
          Der Tag, an dem die Kanzlerin ihren Verzicht auf den CDU-Vorsitz ankündigte: Merkel und Kramp-Karrenbauer am 4. November 2018

          Merkel und AKK : Die große Enttäuschung

          Die CDU nahm bewegt Abschied von Annegret Kramp-Karrenbauer. Nur die Kanzlerin richtete kein Wort des Dankes an sie. Was war da los?
          Rostock hat die geringste Corona-Inzidenz unter den Großstädten in der Bundesrepublik, nur 45 wöchentliche Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner.

          Lichtblick im Norden : Wie Rostock erfolgreich Corona bekämpft

          Rostock verzeichnet seit dem Frühjahr so wenige Corona-Fälle wie keine andere Großstadt in Deutschland. Bürgermeister Claus Madsen erklärt, wie er das mit seiner Verwaltung macht.