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Künstlerin Marina Abramović : Entschleunigen Sie gefälligst!

Gelb, rot, blau: Durch das Starren auf Farbfelder soll man mit der „Abramović-Methode“ ein ganz neues Hörerlebnis erzielen. Bild: Wonge Bergmann

Erst mal den Kopf leer machen: Marina Abramović schleust das Frankfurter Konzertpublikum durch Kurse, damit es anschließend besser zuhören kann. Funktioniert das? Ein Selbstversuch.

          5 Min.

          Ich sitze vor einer Wand und starre auf ein rotes Rechteck. Stoppschildrot, Geranienrot, Clownsnasenrot. Die matte Oberfläche variiert leicht im Spiel von Lichtreflexen und Verschattungen. An der oberen linken Ecke ist das Material eingerissen, zwei kleine Stücke sind abgeplatzt. Ich versuche, die Fehlstelle zu ignorieren und die Mitte der Fläche zu fixieren. Es gelingt mir nicht sehr gut. Ich sitze vor einer Wand und starre auf ein rotes Rechteck, um anders hören zu lernen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Philosophen machen sich gern über Kunstwerke lustig, die einerseits einen hohen Grad von „Natürlichkeit“ aufweisen sollen – eine perfekt naturgetreue Repräsentation eines Objektes darstellen –, aber andererseits vom Betrachter überaus unnatürliche Vorkehrungen für deren Genuss erfordern – einen spezifischen Abstand und Winkel des Betrachters zum Bild etwa. Man mag sich an dieses Dilemma erinnert fühlen, wenn die Performancekünstlerin Marina Abramović für den Genuss der verbreitetsten und vielen Menschen natürlicherweise am nächsten stehende Kunstform der Musik nun eine eigene Vorbereitungsmethode entwickelt hat. „Anders hören“ heißt dieses Programm der „Abramović-Methode“, die in der vergangenen Woche und am Wochenende erstmals in Frankfurt in der Alten Oper vermittelt und praktiziert wurde. Dabei geht es nicht, wie man naiv vermuten könnte, darum, den Zuhörern musiktheoretische Grundlagen zu vermitteln, um den inhärenten Strukturen, Harmonien und Motiven der Musik bewusster folgen zu können. Abramović’ Methode setzt tiefer an, sozusagen vormusikalisch: „Unser Leben ist schwierig und hektisch“, erklärt sie, „und wenn wir in ein Konzert gehen, nehmen wir all diese Last mit.“ Dies verbaue es uns, mit allen Sinnen vor Ort zu sein und die Kunst wirklich aufnehmen zu können. Dafür sei Einkehr und Konzentration notwendig. Sie habe auf ihren Reisen um die Welt Methoden ausprobiert, diesen Zustand zu erzeugen. Einige davon seien auch für ein breites Publikum geeignet. Im Rahmen der Abramović-Methode wolle sie, zusammen mit ihrer künstlerischen Mitarbeiterin Lynsey Peisinger, diese nun zur Vorbereitung des Hörens teilen.

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