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Ballett in Hamburg : Tanzfeuer in der Erdatmosphäre

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Starke Tänzer, tanzende Kämpfer: Claude „CJ“ Johnson und Dorchel Haqq auf der Bühne des Hamburger Kampnagel in Kyle Abrahams neuen Werk. Bild: Peter Hönnemann

Über Prince kam Kyle Abraham von Hip-Hip und Rave zum Ballett. Inzwischen interpretiert er klassische Tradition in seinen Werken ganz neu. Das zeigt sich auch in seiner Hamburger Uraufführung von „Requiem: Fire in the Air of the Earth“.

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          Kyle Abraham könnte der neue zeitgenössische Choreographenstern am Himmel der großen Ballettcompagnien in New York, London und München sein, der Er­neuerer des Tanzes, auf den die Ballettwelt hofft. Viele in seiner Generation der weltweit arbeitenden Choreographen – Ben­jamin Millepied, der Ex-Ballettdirektor der Pariser Oper, David Dawson, Christopher Wheeldon oder Wayne McGregor – haben sich in einer handwerklich gekonnten, signaturhaften Konventionalität eingerichtet. Wie Wayne Mc­Gregor kommt Kyle Abraham nicht aus einer großen klassischen Company, sondern choreographiert, seit er denken kann, mit Freunden, in Garagen, auf der Straße.

          Kaum eine amerikanische Premiere erregte in den letzten Jahren so großes Aufsehen in der Tanzwelt wie Abrahams 2018 geschaffenes Stück „The Runaway“ für acht Tänzer des „New York City Ballet“. In seinem ersten Werk für die be­rühmte von George Balanchine gegründete Company verwendete der Choreograph Hip-Hop- und R&B-Musik vom Band, Stücke von Kanye West, Jay-Z und James Blake sowie Musik des jungen elektronischen Komponisten Nico Muhly. Und das beim New York City Ballet (NYCB), das sonst immer zu Live-Musik von Orchestern oder Pianisten auftritt. Es wurde ein stürmischer Erfolg. Abrahams neuestes Werk für das NYCB feierte im April dieses Jahres als weltweit gestreamter Film Premiere: das wunderschöne, elegische, frei wie substanziell mit verschiedenen Traditionen und Stilen spielende „When We Fell“. Im Februar der kommenden Wintersaison wird das NYCB „The Runaway“ wieder aufnehmen, für März kündigt das Roy­al Ballet in London eine Uraufführung von ihm an.

          Das Zusammengesetzte bildet ein Ganzes

          Dass er die Weltpremiere von „Re­quiem. Fire in the Air of the Earth“ nun in Hamburg auf Kampnagel stattfinden ließ, ist der Pandemie geschuldet. Eigentlich hätte das Stück für zehn Tänzer seiner eigenen Company „A.I.M. by Kyle Abraham“ im vergangenen Jahr in New York herauskommen sollen. Es ist der erste Schritt nach Europa. Seine Arbeiten strah­­len ein ungeheures Selbstbewusstsein aus, sie sind intellektuell, historisch inspiriert, tanzgebildet und voller ungewöhnlicher Bewegungsideen. „When We Fell“ für das NYCB verströmte Ruhe, das Stück hatte etwas Klassizistisches, Erhabenes – und es war ja auch eine getanzte Auseinandersetzung mit den klassischen Traditionen. „Requiem: Fire in the Air of the Earth“ ist wilder, lustiger, berührender, direkter, aber es hat auch diese elegischen Slow-Motion-Passagen, und es hat große abstrakte, formale Qualitäten.

          Die von Giles Deacon, dem britischen Modeschöpfer, in helle, rokoko-zitathaft gerüschte, kurze Seidenkleider gehüllten Männer und Frauen erschaffen ein komplexes Bewegungsgebilde, dessen gewagte Architektur stilistisch auseinanderstrebende Elemente zu einer klaren, zeitgenössischen Sprache zusammensetzt. Und dieses Zusammengesetzte soll man auch spüren. Es stolpert, es setzt aus, es stottert rhythmisch; plötzliche, unorganische, ma­schinenhafte Wechsel in der Phrasierung sind gewollt und sind so richtig und klug gesetzt wie die dunklen Beats, mit denen Musikproduzentin Jlin Mozarts Requiem in Stücke reißt und wieder durchscheinen lässt durch die Elektronik. In Musik und Choreographie ist nichts Gekünsteltes zu spüren, es vollzieht sich eine tief durchdrungene Anverwandlung.

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