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Joachim Kaiser im Radio : Wenn der Klavierpapst sprach

  • -Aktualisiert am

Betörende Stimme, unbestechliche Urteilskraft: Joachim Kaiser Bild: Michael Hauri

Als das Radio die Welt erklärte: Vor fünfzig Jahren zelebrierte Joachim Kaiser in einer Folge von Hörfunksendungen große Musiker und Komponisten. Er kannte sich vorzüglich aus – und fand immer den richtigen Ton.

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          Mein Beethoven-Jahr war bereits 1970. Frisch aus der Bundeswehr entlassen, nach damals noch achtzehn Monaten Grundwehrdienst, durch die hinweg ich die Lust am Klavierspiel gerettet hatte, brachte das Programm von WDR 3 für mich Unvergessliches. Der vor einigen Jahren verstorbene Joachim Kaiser sprach in einer langen Folge von Hörfunksendungen über die 32 Klaviersonaten Beethovens in verschiedenen Interpretationen. Er zelebrierte sie quasi, und das machte süchtig. Ich habe nicht eine Sendung verpasst und wartete ungeduldig auf die jeweils kommende. Kaiser hatte wenige Jahre zuvor das Buch „Große Pianisten in unserer Zeit“ vorgelegt und galt als „Klavierpapst“. Seine ruhige, warme, betörende Stimme ließ keinerlei Zweifel an seiner Kennerschaft zu. Man glaubte, einem umfassend gelehrten Mann zuzuhören.

          Meist waren es nicht mehr als zwei, manchmal drei Sonaten, die in verschiedenen Interpretationen vorgestellt wurden. Es war aber bereits damals eine Zeit von gestern. Die Sterne von Argerich, Barenboim oder Pollini gingen gerade erst auf, Brendel war zwar schon älter, galt aber noch als Geheimtipp. Die Stars der Zeit – und von Kaiser geschätzt – waren Friedrich Gulda, dessen 1967 begonnene Aufnahme der 32 Sonaten bei Amadeo rasch Kultstatus erreichte, und das enfant terrible aus Kanada, Glenn Gould.

          Mythische Verehrung

          Ansonsten gaben die Älteren den Ton an. Wilhelm Kempf, Jahrgang 1895, hatte gerade mit Aufnahmen der Schubert-Sonaten auf sich aufmerksam gemacht, und Wilhelm Backhaus war im Jahr zuvor mit 85 Jahren in Villach nach einem Konzert gestorben. Davon gab es eine Aufnahme. Ihn verließen die Kräfte, und er musste Beethovens Es-Dur-Sonate op. 31 Nr. 3 vor dem Schlusssatz beenden. Er entschuldigte sich beim Publikum. Nach einer Pause verabschiedete sich Backhaus mit Schumanns „Warum“. Ein bewegender Moment. Kaiser fand den richtigen Ton.

          Der Russe Emil Gilels, der Chilene Claudio Arrau und der Italiener Benedetti-Michelangeli waren auf dem Höhepunkt ihres Ruhms und gehörten zu Kaisers Favoriten. Swjatoslaw Richter hatte sich mit einer furiosen „Appassionata“ in der Carnegie Hall im Westen durchgesetzt. Und zum ersten Mal überhaupt hörte ich den Namen Solomon, eigentlich Solomon Cutner. Der Brite musste seine Karriere wegen eines Schlaganfalls früh beenden und wurde von Kaiser für sein Beethoven-Spiel fast mythisch verehrt.

          Erfinder wunderbarer Melodien

          Heute indes nur schwer vorstellbar: Kaiser fand Gefallen am Klavierspiel der Hitler-Verehrerin Elly Ney. Sie sei nach 1945 „nicht mehr Mode gewesen“, heißt es in seinem Buch, doch spiele sie Opus 111 aus einer großen, ruhigen Einsamkeit heraus und habe ein tieferes Verständnis von Beethoven als viele der ihr technisch haushoch überlegenen Kollegen.

          Die Details dieser Sendungen sind verblasst, manche Interpreten auch vergessen, aber nicht das private Vergnügen, immer wieder die damals gekaufte Henle-Ausgabe der Sonaten aufs Pult zu legen und daraus das zu spielen, was eben geht. Das sind eher die langsamen Sätze. Beethoven war Erfinder wunderbarer Melodien. Hier gibt es viel zu entdecken, sei es das Nebenthema des ersten Satzes von op. 7, Takt 59, das Menuett der Sonate op. 10 Nr. 3 oder der nicht enden wollende Schlusssatz von op. 90 „Nicht zu geschwind und sehr singbar vorzutragen“.

          Ulrich Bartels saß für die SPD fünfzehn Jahre lang im Kulturausschuss der Stadt Münster.

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