https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/wie-im-theatre-de-la-monnaie-zwei-opern-verzahnt-werden-16648050.html

Théâtre de la Monnaie : Irgendwas mit Unisextoiletten und Homoehe

In Don Giovannis Nachtclub gibt es mehr als Sex von der Stange: Krankenschwester Elvira (Lenneke Ruiten) und Lederluder Anna (Simona Saturová, beide Mitte rechts) freuen sich auf lustige Rollenspiele. Bild: Karl Forster

Ein toller Tag aus drei Perspektiven: Am Théâtre de la Monnaie werden die Opern von Mozart und Da Ponte zu einer verzahnt. Dabei stechen vor allem die singenden Männer hervor.

          5 Min.

          Die drei Opern, die Wolfgang Amadeus Mozart und sein Librettist Lorenzo Da Ponte zwischen 1786 und 1790 zusammen auf die Bühne gebracht haben, lassen uns einfach nicht los. Sie fragen sich, warum Liebe wohltut, warum Liebe weh tut und warum Liebe aufhört. Sie fragen sich, ob die sexuelle Befreiung die Menschen glücklicher macht, ob das Ende von Standesunterschieden und damit die Überwindung von hierarchischem Sex nicht gleichzeitig den Druck der Selbstverantwortung in der Gestaltung von Partnerschaften erhöht und ob die spielerische Seite der Erotik verlorengeht, wenn wir ständig die Aufrichtigkeit unserer Absichten verbürgen müssen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          In Brüssel, am Théâtre de la Monnaie, greifen die beiden Regisseure und Kostümbildner Jean-Philippe Clarac und Olivier Delœuil diese Fragen auf, weil sie darin jene unserer eigenen Zeit erkennen. „Warum Liebe weh tut“ und „Warum Liebe aufhört“ sind schließlich Titel von Büchern der Soziologin Eva Illouz, die viel diskutiert worden sind. Und deren These von der Kommerzialisierung unserer Gefühle, der wechselseitigen Durchdringung von Romantik und Kapitalismus, gerät in den Videos von Jean-Baptiste Beïs und Timothée Buisson schon allein dadurch ins Bild, dass bei den Fernsehnachrichten über dem Schriftband mit den Börsenkursen ein weiteres mit Reizworten unserer aufgeregten Diskurssimulationen durchläuft: „Hedonismus oder Nihilismus? Sexuelle Freiheit für alle? Die Zukunft ist queer! Für mehr Geschlechterdiversität!“ Dazwischen gibt es auf der Bühne immer mal wieder Echtmenschen-Demonstrationen für Unisextoiletten oder gegen die Homoehe. Das wechselt von Oper zu Oper, bleibt sich aber im Wochenmittel ziemlich gleich.

          Video-Einspielungen und figürliche Überschneidungen

          Denn Peter de Caluwe, der Brüssler Intendant, der nach dreizehn Jahren in Belgiens Hauptstadt gern an die Pariser Oper gewechselt wäre, hat sich jetzt mit den Regisseuren Jean-Philippe Clarac und Olivier Delœuil an ein ehrgeiziges Experiment gewagt: Alle drei Opern – „Le nozze di Figaro“, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ – werden nicht nur von den gleichen Regisseuren inszeniert, spielen nicht nur im gleichen drehbaren Mehrzellen-Container von Rick Martin, kommen nicht nur mit den gleichen dreizehn Gesangssolisten, dem gleichen Orchester unter der Leitung von Antonello Manacorda aus – nein, sie erzählen auch alle drei die Geschichte des gleichen tollen Tages aus drei verschiedenen Perspektiven.

          Video-Einspielungen und figürliche Überschneidungen, musikalische Einsprengsel aus benachbarten Stücken, Aufteilungen von Arien auf verschiedene Figuren verzahnen alle drei Opern miteinander: Alfonso, der Inhaber eines Buchladens für schwule, lesbische und Transgender-Literatur, singt beispielsweise in „Così fan tutte“ noch einmal Figaros vernichtendes Urteil über die Frauen, denen man nicht trauen könne. Wenn in „Don Giovanni“ Elvira am Ende klagt, ihr Mann habe sie ins Unglück gestürzt, aber ihr Herz hänge noch immer an ihm, so singt im Schlafzimmer darunter die Gräfin aus dem „Figaro“ einige Zeilen an Annas Stelle. Die Gräfin ist Kundin in der Damenboutique von Despina aus „Così“; der tote Komtur in „Don Giovanni“ wird von den „Così“-Feuerwehrmännern Ferrando und Guglielmo – die gleichzeitig Rettungssanitäter sind, die Regisseure machen da keinen Unterschied – im Nachtclub Giovannis geborgen, wo er einen Herzinfarkt erlitt, nachdem er seine bereits mit dem Architekten Ottavio verlobte Tochter, die Cembalistin Anna, bei Fesselspielen mit dem Club-Inhaber Giovanni ertappt hatte. Und Cherubino aus dem „Figaro“ ist der Sohn von Giovanni und der Augenärztin Elvira.

          In welcher Reihenfolge man die drei Opern sieht, ist völlig belanglos. Man kann sie drehen wie das Bühnenbild. Es werden dabei zwar Beziehungen hergestellt, aber diese Verknüpfungen erklären nichts. Auch die Entwicklung innerhalb der drei Stücke wird geleugnet. Man kann ja mit gutem Recht im „Figaro“ das utopische Idyll eines Geschlechterverhältnisses sehen, in dem es keine Rechtsansprüche mehr gibt, sondern nur Begehren, Gewähren, Verzeihen. Dieses Idyll der Freiheit schlägt im „Giovanni“ um ins Dämonische, in „Così“ schließlich in die Krise bürgerlicher Aufrichtigkeit und der romantischen Liebe als Passion.

          Weitere Themen

          Ein Lob der Provinz in Krisenzeiten

          Frisches Denken vom Land : Ein Lob der Provinz in Krisenzeiten

          Hat die Stadt ihren Zenit überschritten? Auf dem Land jedenfalls gibt es Potential zuhauf, krisensicheres Denken hat hier eine lange Tradition. Man muss es nur entdecken wollen. Zum Auftakt einer neuen Serie.

          Die Röttgen-Show

          TV-Kritik „Maischberger“ : Die Röttgen-Show

          Das wäre Sahra Wagenknecht nicht passiert: Bei „Maischberger“ hat Norbert Röttgens Widerpart, Amira Mohamed Ali von den Linken, die undankbare Rolle, nicht so recht zu wissen, wie ihr geschieht.

          Topmeldungen

          Ländliche Idylle auf Föhr

          Frisches Denken vom Land : Ein Lob der Provinz in Krisenzeiten

          Hat die Stadt ihren Zenit überschritten? Auf dem Land jedenfalls gibt es Potential zuhauf, krisensicheres Denken hat hier eine lange Tradition. Man muss es nur entdecken wollen. Zum Auftakt einer neuen Serie.
          Die britische Premierminister Liz Truss und der tschechische Ministerpräsident Petr Fiala am Donnerstag in Prag

          Europäisches Gipfeltreffen : Ein klares Signal an Moskau

          In Prag kommen 44 Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa zum ersten Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft zusammen. Nur Belarus und Russland bekamen keine Einladung.
          Christina Rühl-Hamers

          Finanzchefin Rühl-Hamers : Die Neuerfinderin des FC Schalke

          Auch ohne reichen Chefaufseher und russischen Sponsor versucht Christina Rühl-Hamers das Sorgenkind der Bundesliga solide neu aufzustellen. Auf Grundlage neuer Werte hat der Klub ein klares Ziel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.