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Münchener Kulturpolitik : Die Kesselflicker blasen zum Marsch

Eine Trabantenstadt für Tonkünstler: Modellansicht von Nordwesten. Bild: Campo Porjektentwicklungsgesellschaft

München bekommt einen neuen Konzertsaal – aber wann und wo? Bei den Planungen spielt die Akustik noch eine Nebenrolle. Wichtiger für alle Beteiligten wird es sein, den Neigungswinkel von Horst Seehofers Kopf zu berücksichtigen.

          Fürchtet die CSU den Verlust der Regierungsmacht in Bayern? In drei Jahren stehen Landtagswahlen an. Von dem neuen Münchner Konzertsaal, den Ministerpräsident Horst Seehofer versprochen hat, soll dann so viel stehen, dass er in jedem Fall zu Ende gebaut werden muss. Die Staatsregierung strebe die „Unumkehrbarkeit im Laufe dieser Legislaturperiode“ an, legt Kunstminister Ludwig Spaenle im Gespräch mit dieser Zeitung dar. „Der Zeithorizont Ende 2018 hat eine ganz zentrale Bedeutung.“ Seit fünfzehn Jahren wird über das Projekt debattiert, das dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eine Heimstatt verschaffen soll. Jetzt soll es plötzlich schnell gehen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Im Juli hat die Staatsregierung das Büro des Frankfurter Architekten Albert Speer mit der Prüfung von fünf Standortvarianten beauftragt, dasselbe Büro, das schon eine von privater Seite in Auftrag gegebene Vergleichsstudie angefertigt hat. Das neue Gutachten soll in den nächsten Tagen eingehen; eine vorläufige Fassung wurde am Montag einer Arbeitsgruppe im Kunstministerium präsentiert, in der Vertreter der Stadt, des BR und eines Vereins von Konzertsaalfreunden mitwirken. Der Ministerpräsident will noch vor Ende des Jahres die Entscheidung herbeiführen.

          Rückzug der Chefpragmatiker

          Zwei der inspizierten Flächen liegen in der Innenstadt: der Finanzgarten, ein kleiner Park hinter dem Landwirtschaftsministerium zwischen Hofgarten und Englischem Garten, und der Apothekenhof der Residenz. An den übrigen drei Standorten würden die Musikfreunde zu Stadtentwicklungshelfern in mehr oder weniger exponierter Randlage. Auf dem Olympiagelände wird der Abriss des Eissportstadions Platz schaffen. Der Erbe der Traditionsfirma Pfanni, Werner Eckart, bietet eine Parzelle des alten Werksgeländes hinter dem Ostbahnhof an, wo ein Vergnügungsviertel für den gehobenen Geschmack entsteht. Andere Investoren greifen einen Vorschlag der Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard auf und wollen unter dem Dach der denkmalgeschützten Paketposthalle westlich des Hauptbahnhofs gleich drei Säle unterbringen.

          Noch im Februar hatten Seehofer und der sozialdemokratische Oberbürgermeister Dieter Reiter gemeinsam verkündet, dass ein Neubau gar nicht nötig sei. Der Sanierungsbedarf der dreißig Jahre alten Philharmonie im Gasteig und des 32 Jahre älteren Herkulessaals in der Residenz wurde vom Problem zur Lösung umdefiniert. Durch Umbauten sollten die Bedürfnisse der BR-Symphoniker und ihrer städtischen Konkurrenz, der Münchner Philharmoniker, befriedigt werden. Die große Koalition der Chefpragmatiker hatte ihre spareffektive Rechnung ohne die Fachleute der Ministerien und Referate gemacht, die durch Nachfragen zu den Einzelheiten der „Zwillingslösung“ in erhebliche Verlegenheit gebracht wurden. Empörter Widerspruch aus der überrumpelten Stadtgesellschaft nötigte Seehofer und Reiter zum ungeordneten Rückzug.

          Politisch gesinnte, „befriedende Wirkung“

          Der Sänger Christian Gerhaher, vom Naturell nicht prädestiniert zum Volkstribun einer Wutbürgerwehr, hatte das Publikum eines Konzerts im Gasteig zum Protest dagegen aufgerufen, dass es genötigt werden sollte, die akustischen Missstände der überdimensionierten Philharmonie nun doch auf unabsehbare Zeit zu ertragen. Spaenle, der auch Münchner CSU-Vorsitzender ist, beschreibt die Diskussionen des Frühjahrs im Rückblick als „spannend“, wie ein Theaterstück: „Ich als geborener Münchner habe die Stadt noch nie seit dem Streit um den Ankauf des Beuys-Werkes ,Zeige deine Wunde‘ für das Lenbachhaus so über Kultur ringen und streiten sehen.“ Auch in seinem Heimatverband im Münchner Norden, wo es „noch echte Arbeiter“ gebe, hätten sich die Mitglieder „wie die Kesselflicker“ zur Akustik im Gasteig eingelassen. Einer Wortwahl, wie sie den ausgestorbenen Handwerkern zugeschrieben wird, sollen sich damals auch hochgestellte Amtsträger befleißigt haben, wenn in ihren schalldichten Beratungszimmern die Rede auf eine Fürsprecherin des Konzertsaalbaus wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter kam, die seit Jahrzehnten auf den großen Konzertpodien der Welt zu Hause ist. Naturgemäß darf die Obrigkeit ihre Wunde nicht zeigen. Keinen Verfahrensbeteiligten erwähnt der Kunstminister bei der Beschreibung des nun von der Staatsregierung eingeschlagenen Entscheidungswegs so häufig wie die „Zivilgesellschaft“.

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