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Salzburger Festspiele : Danach wird das Leben anders sein

Andris Nelsons als Dirigent mitten unter den Musikern der Wiener Philharmoniker: Dazu braucht es ein Hygienekonzept wie das der Salzburger Festspiele. Bild: © SF / Marco Borrelli

Als ob noch alles ganz normal wäre: Bei den Salzburger Festspielen wird mit bohrender Inständigkeit gesungen und traumwandlerisch schön Mahler gespielt.

          3 Min.

          Eine seltsame Atmosphäre – irgendetwas zwischen Traum und Trauma, halb märchenhaft, halb bedrückend – liegt in diesem Jahr über den Salzburger Festspielen. Die Stadt ist ruhiger als sonst zu dieser Zeit. Die vielen Gäste aus Japan und Amerika fehlen. Im Programm, das Markus Hinterhäuser in wenigen Wochen als Alternative zu den ursprünglichen Plänen zusammengestellt hat, ist auch in der Umsetzung durch die Künstler eine wohltuende Konzentration, eine liebevolle Sachbezogenheit zu spüren. Aber was man dann erlebt, hat nach allen Aerosolwarnungen und Kontaktverboten der letzten Wochen etwas Unwirkliches an sich.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Da singen tatsächlich neun Menschen – vom Ensemble Cantando Admont – unter Cordula Bürgis Leitung in der Kollegienkirche; da spielen die Wiener Philharmoniker, von Andris Nelsons dirigiert, im Großen Festspielhaus in Stärke einer Hundertschaft Gustav Mahlers sechste Symphonie. Ein Vierteljahr ist es her, dass der Epidemiologe und Sozialmediziner Stefan Willich von der Berliner Charité dieser Zeitung sagte: „Wir müssen es als normal empfinden, dass man im Konzertbetrieb für einige Zeit – wir reden hier mindestens von vielen Monaten – bei Orchestern auf der Bühne keine hundert Leute, sondern vielleicht nur 65 sieht. Wir tun gut daran, uns mit diesen Veränderungen anzufreunden und zu sagen: So ist das Leben jetzt eine Weile.“

          Eine fünfstimmige Messe

          In Salzburg ist das Leben, zumindest auf den Podien, so, als gäbe es keine Pandemie. Dabei unterliegen alle Mitwirkenden einem strengen Sicherheitsregime, müssen Kontaktbücher führen, sind nach Risikogruppen klassifiziert und werden – als Sänger und Orchestermusiker – regelmäßig auf eine Infektion getestet. Auch das Publikum, das bei der Eröffnungspremiere von Richard Strauss’ Oper „Elektra“ noch mit der Attitüde „Uns kann eh keiner was“ aller Besorgnis Hohn spottete, hält sich jetzt sogar im öffentlichen Raum außerhalb der Spielorte gewissenhaft an Abstandsgebote und Maskenpflicht.

          „Fragmente – Stille“ heißt, in Anspielung auf das durch Friedrich Hölderlin inspirierte Streichquartett von Luigi Nono, eine ganze Konzertreihe in der Kollegienkirche, die Alte und Neue Musik aufeinander bezieht. Im Konzert von Cantando Admont trifft eine fünfstimmige Messe des Palestrina-Zeitgenossen Francesco Rovigo aus dem späten sechzehnten Jahrhundert auf Chorsätze von Beat Furrer und Nono, Musik der Jahre 1998 und 1961. Es sind Gesänge bohrender Inständigkeit, oft silberhell überglänzt vom Timbre des Countertenors Terry Wey.

          Ökonomischer Körpereinsatz

          Wenn man hört, wie Rovigo die Mehrstimmigkeit der Spätrenaissance wieder rückbindet an den gregorianischen Choral, wie er Binnenkadenzen einsetzt, um den Fluss der Musik an grammatisch gebotenen Stellen zu gliedern, also den Sinn von Sprache aufleuchten zu lassen, dann erscheinen die modernen Stücke einmal mehr als Etüden der Resignation. Beat Furrer zerhackt in seinem Psalm „Gloria Tibi Domine“ Sprache zu Silben und lässt gegen Ende Christian Loidls Gedicht „wie langsam“ sprechen: Verfallsidylllyrik mit einer Neigung zur Urbanitätsflucht in der Vorliebe für Verandaholz, Krähenlaut und Laub. Nonos Vertonung von Cesare Paveses Gedicht „Sarà dolce tacere“ spreizt den Klang extrem auf und kündigt den alten Pakt einer Analogie zwischen Musik und Sprache in Bild, Geste und Atem. Wie in Hölderlins „Mnemosyne“ scheint hier alles deutungsloses Zeichen zu sein. Einzig das Ersterben der Sprache im Schweigen wird als Moment traditioneller Süße inszeniert.

          Ein Jahrhundert lang singt nun schon die Musik, selbst da, wo sie sich als modern versteht, ihre großen „Adieus“. Gustav Mahlers sechste Symphonie ist eines davon. Thomas Sanderling, der vor Jahren eine ausgezeichnete Aufnahme des Werks mit den Sankt Petersburger Philharmonikern vorgelegt hat, erzählte kürzlich von seinem Eindruck, Mahler habe hier den Ausbruch des Ersten Weltkriegs um zehn Jahre vorausgeahnt, zumindest einen Epochenbruch, nach dem das Leben anders sein würde.

          Träumenden Auges in die Katastrophe

          Andris Nelsons dirigiert dieses Stück mit einer inneren Ruhe, die für einen einundvierzigjährigen Mann erstaunlich ist. Er hat sich als Dirigent in den letzten zehn Jahren stark verändert: Sein Körpereinsatz ist viel ökonomischer geworden, seine Zeichengebung knapper und effektiver. Er hat etwas gewonnen, wozu Dirigenten normalerweise erst spät gelangen: das Wissen, wann man nicht intervenieren muss. Genau dann entsteht ein kollektiver Atem. Man muss es gesehen haben, mit welcher Gelassenheit und zugleich absoluter Präzision die acht Kontrabassisten der Wiener Philharmoniker am Anfang des langsamen Satzes der Symphonie ihr Pizzikato im zweiten und dritten, dann wieder im fünften und siebten Takt setzen, während die Es-Dur-Melodie der Violinen, oft nach Moll getrübt darüber mit müder Wehmut singt. Da zeigt sich Vertrauen, ein gemeinsamer Puls zwischen Dirigent und Orchester.

          Nelsons stellt alle Tempowechsel – man merkt seine gute Schulung durch die Symphonien Peter Tschaikowskys – völlig organisch her. Auf diese Weise entsteht durch ein psychologisches Kontinuum auch so etwas wie eine Schlüssigkeit der instrumentalen Erzählung. Im Scherzo integriert er die historischen und sozialen Schichten – Menuett, Ländler, Walzer, Polonaise – durch sein sanftes Dirigat wie einst das Habsburgerreich die Zeiten und Völker. Wenn Christopher Clark von „Schlafwandlern“ am Vorabend des Ersten Weltkriegs sprach, so gleitet hier die Musik unter Nelsons Leitung träumenden Auges in die Katastrophe des Finales. Wie das Leben danach sein wird, das ist eine andere Geschichte.

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