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Leipziger Uraufführung : Liebe deine Nächste

  • -Aktualisiert am

Szene aus der Oper „Paradiese“ Bild: Kirsten Nijhof

Freie Liebe in der freien Stadt: Ist das vielleicht das Paradies? In Leipzig kommt die Oper „Paradiese“ von Gerd Kühr nach Hans-Ulrich Treichel zur Uraufführung und begleitet den Protagonisten bei seiner privaten sexuellen Revolution.

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          Vom lauten Wir zum stillen Du und Ich: „Proletarier aller Länder, entschuldigt mich“, ruft der Sponti und geht in die Mensa. Auch im West-Berlin von 1968 will von den nach Weltfrieden und Gerechtigkeit dürstenden Revoluzzern niemand hungern. Also zieht die eben noch lautstark in der Aula protestierende Menge („Keine Mark mehr für den US-Krieg“) friedlich von dannen, bleiben Albert und Lise allein zurück. Kein Traumpaar, die beiden Provinzler aus Westfalen und Bruchsal. Wenig später landen sie – nein, nicht im Bett – auf dem Küchentisch der WG. Freie Liebe in der Freien Stadt. Klingt paradiesisch?

          An dieser Stelle hätte in der Leipziger Uraufführung „Paradiese“ noch eine Revolutionsoper vermutet werden können, schließlich stammt das Libretto dazu von Hans-Ulrich Treichel („Der Verlorene“, „Tristanakkord“), der ebenso wie der Komponist Gerd Kühr einst eng mit Hans Werner Henze zusammengearbeitet hat. Doch diese erste große Neuproduktion des Hauses seit Langem soll wohl eher ganz privat eine sexuelle Revolution thematisieren, denn von einem Akt zum nächsten stolpert Albert zu neuen Erfahrungen mit neuen Frauen.

          Lise verschreckt ihn, weil sie auch mit anderen liebt. Hilfe erhofft er sich auf der Couch eines Sigmund-Freud-Adepten und stößt dort auf ein Hiob-Zitat: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, fliegt wie ein Schatten und bleibt nicht.“ Mit Friederike gerät er in ein Phantasma auf der Berliner Pfaueninsel, wo friderizianische Zeiten ebenso nachwehen wie Traumbilder mit Tieren, Schlafmohn und Lachgas; der erotische Befreiungsversuch endet am Ufer: „ACHTUNG! Sie verlassen jetzt West-Berlin.“

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          Wie schon im Roman „Der Verlorene“ spiegelt Treichel auch hier die eigene Biographie um den Verlust seines Bruders – durch die Szenen huscht ein Vertriebenenpaar, verfolgt von einer Gruppe russischer Soldaten.

          Alberts nächste Frau lernt er als grauer Theatermaler bei einer Probe zu Euripides’ „Bakchen“ kennen, ein exzentrischer Wirbel aus später Mutterliebe und mythischem Kindsmord. Diese divenhafte Marie erweist sich als für ihn zu alt. Erfüllung findet er schließlich bei Anna, seiner runden Ehefrau im Ost-Berliner Schlussakt zu Silvester 1990. Auch hier weht deutsche Geschichte durchs Bild, Annas Pionierhalstuch von 1968 und ein Silvesterpaket von ihrer Oma aus Sömmerda. Die Vereinigung ist also geglückt, nur die Einheit steht einstweilen noch aus.

          Musikalische Vielfalt begleitet inhaltliche Plattitüden

          Das krude Stück voller Plattitüden wie „Nach der Liebe ist vor der Liebe“ oder „Allein sein mit Menschen ist besser als allein sein ohne Menschen“ endet mit dem Wunsch, „dass es hoffentlich kein Jenseits gibt, nach allem, was schon war“. Kann die Menschheit im Ganzen, kann der einzelne Mensch aus den vergangenen Fehlern lernen, um das Diesseits sinnvoll zu gestalten? Ob Albert seine Berliner Odyssee als geglückt oder gescheitert ansieht, wird nur er selbst sagen können.

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          Sehnsuchtsvolleres Aufbegehren ist in der Musik zu vernehmen. Sie sorgt für Orientierung in dieser Oper, begleitet die Flucht aus der westdeutschen Provinz in die vermeintliche Weltstadt mit scharf gesetzten Kaskaden aus Einzelintervallen, gestochenen Tönen, die eher gestanzt als verbunden werden, oft frei sind von jeder Melodik, dennoch mal zart, mal aufbrausend orgiastisch mitreißen. Eine enorme Herausforderung für das Gewandhausorchester unter der Leitung des Generalmusikdirektors Ulf Schirmer, der damit die erste bedeutsame Uraufführung seiner 2011 begonnenen Intendanz gestemmt hat. Geschickt navigiert er zwischen Graben und Bühne, leitet den enorm flexiblen, von Thomas Eitler-de Lint einstudierten Opernchor sowie die umfangreiche Schar von Solistinnen und Solisten.

          Da sticht natürlich der höchst wandelbare Bariton von Mathias Hausmann heraus, der als Albert auch schrille Höhen zu meistern hat, wie ja auch „seinen“ Frauen teils extreme Parts abverlangt werden. Alina Adamski als studentisch forsche Lise geht unangestrengt in absurde Spitzentöne, Julia Sophia Wagner verbindet im Traumakt Laszivität mit untergründigem Humor und beschert ihrer Friedrike kammermusikalische Qualitäten. Christiane Döcker als Marie stanzt treffsicher ihre Intervalle und deklamiert auch mal a cappella, Ehefrau Anna schließlich wird mutig derb von Magdalena Hinterdobler verkörpert, changiert zwischen anrührend und selbstbewusst, spitzt mühelos auch höchste Lagen im koitalen Glück.

          Allen Sängerdarstellern gemein ist eine durchweg hervorragende Textverständlichkeit, wozu freilich auch die kundige Notation von Gerd Kühr beigetragen hat. Regisseurin Barbora Horáková Joly hat in ihrer ersten Leipziger Regiearbeit jede Menge Fantasie bewiesen, die vier Akte gründlich voneinander abgesetzt und das Personal zwar sängerfreundlich, doch durchweg fordernd durchs Geschehen geführt und so die psychologischen Untiefen vor allem als Zeitbilder in Szene gesetzt. Die von Aida Leonor Guardia gestaltete Bühne ist wandelbar von Hörsaal über WG und Theater bis hin zur Prenzlauer-Berg-Küche, die Kostüme von Eva Butzkies sind so einfallsreich wie farbenprächtig und geradezu ausufernd in der märchenhaften Traumwelt. Revolutionär ist „Paradiese“ nicht, bietet aber für Augen und Ohren ein gewaltiges Feuerwerk an Ideen.

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