https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/wie-die-dirigenten-das-beethovenfest-in-bonn-gestalten-17498214.html

Beethovenfest : In Bonn wird der Drill poetisch

Des Helden Wiedererwecker: Michael Boder Bild: Barbara Frommann

Beim Beethovenfest ist ein Wettstreit der Dirigierschulen zu erleben. Jordi Savall hat die Symphonien mit rhythmischer Präzision erarbeitet. Michael Boder interpretiert die Eroica mit einem Gespür für Gegensätze und Harmonie.

          4 Min.

          Die englische Dichterin Ruth Padel hat im Jahr von Ludwig van Beethovens zweihundertfünfzigstem Geburtstag einen Zyklus von „Beethoven Variations“ veröffentlicht, Gedichten, die Beethovens Lebensstationen abschreiten und Fantasien über die Seelenzustandswechsel des leidenden Helden mit Erinnerungen der Autorin an den eigenen Musikunterricht sowie Reiseimpressionen aus Bonn und Wien verbinden.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Eines der ersten Gedichte erzählt, dass der kleine Ludwig von seinen Spielkameraden der Spanier genannt wurde („der Spagnol“), weil er eine dunkle Hautfarbe hatte und manchmal schmutzig auf die Straße ging. Den Schulabbrecher, der als Bratschist im kurfürstlichen Hoforchester anheuerte, beschreibt das Gedicht so: „He wears a sea-green coat, a wig, a little sword.“ Mit der Größenangabe zur Waffe gibt die Dichterin zu verstehen, dass der Hofmusiker ein Kind blieb, weil er unter den Augen seines Vaters spielte und weil sich die Feudalgesellschaft im Rückblick als System der Unfreiheit darstellt. Der nächste Vers zeigt den Komponisten in der häuslichen Verborgenheit: Er schleudert Wunder der Modulation gegen die Schläge seines Vaters. Beethovens Musik macht in dieser biographischen Lesart einen Konflikt produktiv: den Gegensatz zwischen den Farbwechseln der Harmonie und der gewaltsamen Monotonie des Rhythmus.

          Das Gegenteil von einem Straßenjungen

          Ein Spanier ist nach Bonn gekommen, um am Anfang des diesjährigen Beethovenfestes, mit dem die Geburtsstadt die Geburtstagsfeier nachholt, das berühmteste, in die Musikgeschichte als Chiffre des Ultimativen eingegangene Werk aufzuführen, die neunte Symphonie. Im Alter und im Habitus ist Jordi Savall, der vor drei Wochen seinen achtzigsten Geburtstag feierte und im World Conference Center Bonn das von ihm 1989 gegründete Orchester Le Concert des Nations dirigiert, natürlich das Gegenteil eines Straßenjungen. Aber Nike Wagner hat ihn eingeladen, weil sie zum Abschluss ihrer siebenjährigen Intendanz die Probe machen möchte, ob einem Festival mit vorgege­benem Repertoireschwerpunkt auf der Klassik im doppelten Sinne der Epoche und des konventionellen Publikums­geschmacks durch Musiker aus der Schule der historischen Aufführungspraxis Jugendkraft eingeflößt werden kann.

          Die neun Symphonien wurden auf fünf Orchester verteilt: Drei Spezialensembles für ältere Musik messen sich mit zwei klassischen Symphonieorchestern. Dass sich im Klassikbetrieb paradoxerweise an das puristische Projekt der Wiedergewinnung älterer Spielweisen die Assoziation des Schmutzigen knüpft, die Idee einer globalen street credibility im Sinne der Vertrautheit mit dem Rauen und Vitalen, illustriert der Name des belgischen Klangkörpers, der unter der Leitung von Alessandro De Marchi die Zweite und die Fünfte spielt: B’Rock Orchestra.

          Glück der Umplanung: Eigentlich hatte Nike Wagner Christophe Rousset und Les Talens Lyriques für eine Leonore-Oper verpflichten wollen. Wegen der Verschiebung des Beethovenfestes in der Pandemie beschäftigten sich die französischen Musiker erstmals mit Beethovens Symphonien.
          Glück der Umplanung: Eigentlich hatte Nike Wagner Christophe Rousset und Les Talens Lyriques für eine Leonore-Oper verpflichten wollen. Wegen der Verschiebung des Beethovenfestes in der Pandemie beschäftigten sich die französischen Musiker erstmals mit Beethovens Symphonien. : Bild: Barbara Frommann

          Insoweit Hofbeamtenkinder in der reformkatholischen Atmosphäre der Residenzstadt des Kurfürst-Erzbischofs von Köln die schwarze Legende aufgeschnappt haben sollten, dass die Spanier kulturell hoffnungslos rückständig seien, ist ein erheblicher Teil der gelehrten Lebensarbeit Jordi Savalls der Widerlegung solcher Vorurteile gewidmet. Seine Forschungen zu spanischen und romanischen Musiktraditionen haben auch deren multikulturelle Elemente wie die maurischen Einflüsse erschlossen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Löste die großen Proteste in Iran aus: die im Polizeigewahrsam ums Leben gekommene Masha Amini.

          Proteste in Iran : Die Welt steht an einem Wendepunkt

          Die Proteste in Iran nach dem gewaltsamen Tod von Mahsa Amini haben das Zeug, nicht nur das Regime in Teheran zu Fall zu bringen. Sie fordern den gesamten politischen Islam heraus. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.