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Open-Air-„Rheingold“ in Berlin : Ouvertüre auf dem Parkhausdeck

  • -Aktualisiert am

Open-Air-“Rheingold“: Die Rheintöchter sitzen auf dem Trockenen, und Alberich beschäftigt sich mit dem Hinterkopf von Richard Wagner. Bild: Bernd Uhlig

Es gibt wieder Musiktheater in Berlin. Die Deutsche Oper geht mit einem handlichen Open-Air-„Rheingold“ voran: Das Ensemble macht das Parkhausdeck zur Bühne.

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          Wer sich in Zeiten von Corona neu oder überhaupt erst findet, agiert vielleicht anders als sonst: weniger leistungsoptimiert und attraktivitätsversessen, eher vorsichtig defensiv wägend, gewiss dankbar, dass da überhaupt erst einmal wieder eine Beziehung entsteht. Anfälliger sind solche Neubegegnungen und wegen dieser Verletzlichkeit kostbarer – auch in Konzertsälen und auf Musikbühnen, wo jetzt langsam wieder analoges Leben erwacht.

          Als Berlins Deutsche Oper jetzt mit einem Pocket-„Rheingold“ (Jonathan Dove hat Wagners Original für seine Kammerfassung um ein knappes Drittel gekürzt) ersten neuen Beziehungsmut zeigte, spielte diese Fragilität immer mit und zeitigte ungewohnte Formen der Kommunikation. Wo sich die Sänger sonst vor einem enggepackten, in anonymes Dunkel versenkten Publikum exponieren müssen, agierten die ungefähr vierzig Aktiven nun auf dem Parkhausdeck des Hauses in der gleichen Tagesend-Halbhelligkeit, in der auch ihre zweihundert Zuhörer saßen. Jeder konnte, auf Lücke plaziert, jeden sehen – eher Sportplatz- als Theaterverhältnisse. Und wenn dann Auf- und Abgänge durch die Gasse zwischen den Sitzreihen erfolgten, waren sich Künstler und Gucker so nahe, wie das „unter Dach“ kaum je möglich wäre.

          Spielleiter Neil Barry Moss hat die Innenhofsituation, indem er ein paar Fenster der umlaufenden Gebäudetrakte einbezog, geschickt für einige raumüberspannende, quasi quadrophone Arrangements genutzt. Die Jagd nach dem Gold lief dann, zwischen lustvoll-anarchistisch zusammengeklaubten Requisiten und in faschingshaft durchgeknallter Kostümierung, mit viel Gewusel, manch komödiantischer Übertreibung und freilich auch ziemlich viel Stegreif-Leerlauf ab.

          Mit kürzester Probenzeit und unter wettersensiblen Open-Air-Bedingungen

          Gelegentlich blitzte erfrischende, antipathetische Ironie auf, die man vielleicht als optimistischen Vorschein auf Stefan Herheims Inszenierung nehmen konnte, die eigentlich am gleichen Abend Premiere haben sollte und nun irgendwann später zum Zuge kommen wird. Einer dieser kleinen, augenzwinkernden Momente war Frickas (mit gehalten-fraulicher Würde: Annika Schlicht) fassungslos ergebener Blick auf den gewölbten Leib Erdas, in dem wohl gerade das Rebellenkind Brünnhilde heranwächst. Judit Kutasi sang die Urmutter mit zunächst wallend orgelndem, im Fortgang etwas zerfaserndem Timbre.

          Man muss dem eher auf punktuelle Pointen als auf geschlossene dramaturgische Bögen gerichteten Treiben zugutehalten, dass hier mit kürzester Probenzeit, unter wettersensiblen Open-Air-Bedingungen (launische Windstöße grüßten von einer angekündigten, aber dann doch einen anderen Weg nehmenden Gewitterfront) und in einer Konstellation, wo die Sänger fast durchweg mit dem Rücken zum Dirigenten agierten, gearbeitet wurde. Und wenn etwa Freias Entführung eher ein kleines Wettrennen als eine handgreifliche Überwältigung wurde, durfte man auch an infektionsbedingte Abstandsgebote denken, die ansonsten gut kaschiert und höchstens im Fesselungsgerangel zwischen Alberich und Loge kurz ausgetestet wurden. Am Ende schien sich die glückliche Besucherschar (alle Karten für die geplanten sechs Vorstellungen waren binnen Minuten ausverkauft) mit großer Mehrheit der alten Weisheit zuzuneigen, dass man vom Ochsen nicht mehr als Rindfleisch verlangen dürfe. Die Begeisterung, endlich überhaupt wieder analoges Musiktheater zu erleben, war fast mit Händen zu greifen.

          Und sie wurde von den Akteuren erwidert. Die Dove-Fassung mit ihren nur 22 Orchestermusikern – darunter lediglich sechs Streicher – konnte ihre möglichen Qualitäten nur partiell entfalten. Sie ist für kleinere Räume, nicht für das Spiel unter freiem Himmel gedacht. So mussten sich Donald Runnicles am Pult, Musiker, Sänger und Hörer im ersten Bild akustisch erst einmal vorsichtig zueinander hintasten. Im Weiteren gab es eine gut getaktete Koordination und schöne Einzelmomente, zum Beispiel im Aufscheinen der Holzbläser, aber naturgemäß nie jene Ohr und Hirn wohlig einnebelnde Vollklanglichkeit, die sonstige Wagner-Erlebnisse prägt.

          Ermutigend waren die Begegnungen mit der Sängerriege, die zu guten Teilen im Haus beheimatet ist und auch bei Herheim auf der Bühne gestanden hätte. Allen voran gab Thomas Blondelle einen umwerfend spielfreudigen Loge als intellektuell-sarkastischen Strippenzieher, auch stimmlich selbstbewusst und frei ausströmend, ohne die in dieser Rolle häufigen meckernden Manierismen. Nicht im etwas statuarischen Bewegungsvokabular, wohl aber im mächtig und souverän entfalteten, herrschaftlich strömenden Stimmfluss hielt sich Derek Weltons Wotan auf gleicher Höhe, während Philipp Jekals Alberich nach etwas flackernd-ungefestigtem Beginn mit seinem durchdringenden, aggressiv-verzweifelten Fluch das große Finale einleitete – von dem man nun hoffen muss, dass es eigentlich eine Ouvertüre war.

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