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Instrumente-Museum in Moskau : Russlands großartige deutsche Klaviere

  • -Aktualisiert am

Klavierrestaurator Alexej Stawizki mit einem Diederichs-Flügel im Konzertsaal der Moskauer Rachmaninow-Gesellschaft Bild: Kerstin Holm

Ein neues Museum für Instrumente eröffnet im Dezember in Rybinsk. Die im „Asyl“ für alte Klaviere ausgestellten Stücke wussten schon Tschaikowsky und Rubinstein zu schätzen.

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          Das „Asyl“ für heimatlose Klaviere hat in einem Busdepot im Moskauer Nordosten Quartier genommen. Sein Mitbegründer, der Pianist Pjotr Aidu, erwartet uns am Wärterhäuschen der Garage. Im vorigen Jahr überließ deren Direktor dem Musiker kostenfrei drei Autoabteile, wo seither ein Teil von Aidus rund hundertzwanzig Instrumente umfassenden Sammlung alter Flügel und Klaviere lagert. Die fast alle im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert gebauten Flügel stehen hochkant, einigen fehlen Deckel oder Holzverkleidung. Das Schnitzdekor und Messingkerzenhalter verraten ihre Herkunft aus besseren Zeiten und Verhältnissen, ebenso wie die als verschnörkelte Intarsien eingearbeiteten Herstellernamen, von denen die meisten deutsch sind.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit der Leidenschaft für alte Klaviere habe ihn der Pianist Alexei Lubimov infiziert, als er am Moskauer Konservatorium bei ihm historische Aufführungspraxis studierte, erzählt Aidu, der sich um experimentelle Musik verdient gemacht hat. Bei der Suche nach einem Instrument für sich habe ihn die Vielfalt historischer Flügel begeistert, die erst durch die Standardisierung im späten neunzehnten Jahrhundert verlorenging, sagt der Musiker. Zugleich erlebte er, dass immer mehr Kulturhäuser, aber auch Privatleute ihre Klaviere loswerden wollten. Auf den Instrumenten, die in Intelligenzija-Familien über Generationen bewahrt worden waren, spiele heute oft keiner mehr, und sie nähmen in den Wohnungen Platz weg. So entstand die Idee für ein Asyl oder Heim (prijut), mit dem Aidu viele Klaviere vor der Entsorgung bewahrte. Gemeinsam mit Lubimov und dem Klavierrestaurator Alexej Stawizki trug er eine Kollektion zusammen, die in den Jahren 2012 bis 2017 in einer ehemaligen Moskauer Fabrikhalle ausgestellt war. Im Dezember wird Stawizki mit den wertvollsten Stücken in der Wolgastadt Rybinsk eine neues Museum eröffnen.

          Dominanz der deutschen Namen

          Die alten Klaviere, von denen Stawizki einige repariert und gestimmt hat, die bei Konzerten in der Moskauer Rachmaninow-Gesellschaft zum Einsatz kommen, sind auch ein versunkener Schatz deutsch-russischer Kulturgeschichte. Aidu und Lubimov besitzen jeder einen Flügel der Firma von Karl Josef Friedrich Wirth, einem Augsburger Klavier- und Orgelbauer, der zwischen 1830 und 1853 in Sankt Petersburg lebte und dort Konzertflügel produzierte, die als die besten ihrer Zeit galten. Wirth kombinierte die leichte Tastenaufhängung und Artikulationsklarheit der Wiener Tradition mit der schwereren Mechanik und dem runden, vollen Ton der englischen Schule. Der Schriftsteller und Komponist Wladimir Odojewski (1803 bis 1869) schwärmte für die gesangliche Klangfülle des Wirth-Klaviers. Robert und Clara Schumann waren bei ihrer Konzerttournee durch Russland von Wirths Instrumenten so begeistert, dass sie 1844 eines erwarben.

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