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Tanztheater in München : Achtung, aggressive Gespenster!

  • -Aktualisiert am

Nichts ist hier, wie es scheint: Ensemble-Szene aus „Yester: Now“. Bild: Franziska Strauss

Mit Kämpferfaust: Das Tanzdrama „Yester: Now“ von Moritz Ostrjuschnak wird im Münchner Gasteig uraufgeführt. Der Choreograph bezieht darin eine kritische Position zu vermeintlichen Wahrheiten in Massenmedien und dem Internet.

          3 Min.

          Vollkommen verlassen liegt der Konzertsaal der Münchner Philharmonie da. 2389 Sitzplätze sind leer, so leer wie die Bühne. Da schrillt ein Pfiff durch die kühle Luft. Plötzlich bewegt sich in Block P ein gespenstisches Wesen, und durch die Reihen von Block G huscht ein heller Schatten. Wieder ertönt ein Pfiff, gleich darauf springt jemand über einen der roten Plüschsessel in Block J, in Block M kriecht eine Gestalt quer über einen Gang, jemand fällt, ein Körper prallt irgendwo hart auf. Wieder ertönen gellende Pfiffe, bis in die obersten Ränge rennen, klettern und balancieren die Tänzer. Zwei Frauen und vier Männer sind es, die den Konzertsaal wie in einem Parkourlauf durchqueren. Von unterhalb der Orgel, wo die wenigen Dutzend maskentragenden Besucher platziert sind, lässt sich das Geschehen gut verfolgen, und auch die Akustik ist gut.

          Nach 36 Jahren, in denen der eindrucksvoll asymmetrische Saal im größten Kulturzentrum Europas Ort der Konzerte der Münchner Philharmoniker war, wird der Gasteig nun für eine Generalsanierung geschlossen. Der junge Münchner Choreograph Moritz Ostruschnjak bespielte jetzt mit der Uraufführung von „Yester:Now“ die heiligen Celibidache-Hallen samt ihrer berühmt schlechten Akustik zum letzten Mal vor der Schließung. Ostruschnjak leiht sich von „einem expressiven und aggressiven“ Track der Jazz-Ikone Miles Davis die Grundstimmung und den Titel und übersetzt ihn in die digitale und virtuelle „real life“-Überflutung unserer Gegenwart: Voller Icons und politischer Meinungsbild(n)er, Protestkultur und Heile-Welt-Show-Lächeln, voller Schein und Abklatsch der Wirklichkeit.

          Nichts ist, wie es scheint

          Seine siebzigminütige Uraufführung beginnt mit dem Ende: Die sechs athletischen Eroberer des Zuschauerraums prallen nackt und macht- und atemlos gegen Wände. Ostruschnjaks Prinzipien heißen „Pick & Mix“ und „Cut & Paste“. Keineswegs beliebig zusammengestellt, aber dementsprechend wild sind die kurzen, unzusammenhängend choreographierten Szenen, die jeweils einen – nicht nur zeitgenössischen – Tanzstil zelebrieren beziehungsweise persiflieren, komponiert. Ostruschnjak sampelt alltägliche Bewegungen, etwa Handzeichen von Victory bis Merkel-Raute, und übertitelt sie mit Hashtags oder Slogans. Die Tänzer Dhélé Agbetou, Guido Badalamenti, Daniel Conant, Quindell Orton, Roberto Provenzano und Magdalena Agata Wójcik tragen schwarz-weiße Sportkleidung und geben sich cool und selbstbewusst.

          Leere Arena: Die Spielstätte von „Yester: Now“.
          Leere Arena: Die Spielstätte von „Yester: Now“. : Bild: Franziska Strauss

          Doch nichts ist, wie es scheint: Mal ist es eine verblichene Pop-Hymne, mal ein Video, häufig sind es auch die idiosynkratischen, augenzwinkernden Gesten und die vielen handgemalten Protestschilder, mit deren Einsatz die Lügen hinter der massenmedialen Wahrheit entlarvt werden. Sehr effektvoll ist auch, wie die sechs Protagonisten zum ironischen Wohlfühl-Zitat aus dem Broadway-Evergreen „A Chorus Line“ mit ihren Keulen auch den Unterhaltungs- und Perfektionsanspruch jeder tänzerischen Norm demonstrativ, lächelnd und mit lautem Knall fallenlassen.

          Der 1982 geborene, freischaffende Choreograph Ostruschnjak kommt aus der Sprayer-Szene und war Breakdancer, bevor er in München bei Iwanson International und in Lausanne in Maurice Béjarts „Mudra“-Schule Tanz studierte. Seine vielen Talente, wie sie auch sein neuestes, im Rahmen der „Tanzwerkstatt Europa“ uraufgeführtes Stück spiegelt, erlauben ihm und seinem mitreißenden, energiegeladenen Ensemble ein regelrechtes Schaulaufen tänzerischer Trends und Talente, ein Ausstellen von Kraft, Kondition, Geschwindigkeit und Akrobatik, Spiel, Witz, und Gesang.

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          Ob in Hip-Hop, Breakdance, Popping, Contemporary, Stepptanz, Cheerleading, pulsierendem Rave oder siedendem Boxkampf – jede neue tänzerische Runde von „Yester:Now“ ist zugleich Ausdruck von und Antwort auf den durch und trotz Corona verschärften Rückzug in die trügerisch private Öffentlichkeit des World Wide Web als „einer modernen Geistergeschichte“. Buchstäblich auf der Kehrseite geliebter Comic-Helden aus der Disney-Traumwerkstatt zeigt ein Zusammenschnitt deren grausige Suizidversuche; die Kehrseite technischer Errungenschaften schlägt sich in militärischen Flugshows oder absurden diktatorischen Choreographien nieder; die Kehrseite von Ikonen praktizierter Nächstenliebe verpufft im bildmedialen Namedropping (Video: Moritz Stumm).

          Zeitweise wirkt das Schildermeer mit seinen Bildern und Botschaften von Peace und Angst und Kämpferfaust, Aldi Süd und Adidas, aus „Welcome cheap workers“, „Wir sind die Guten“ und „Cancel the Apocalypse“ so provokativ, dass die Luft in dem großen Saal brennt. Mit „Yester:Now“ bezieht Moritz Ostruschnjak eine ausgesprochen originelle, kritische künstlerische Position. Er hat wirklich etwas zu sagen, und er versteht es, daraus Bilder zu machen. Action!

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