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Klavier-Festival Ruhr : Würdevoll wahren die Töne den Abstand

Blick ins leere Dortmunder Konzerthaus: Im März wurden hier vorerst alle Konzerte abgesagt. Bild: AFP

Weniger Zuschauer, geänderter Ablauf: Das Klavier-Festival Ruhr findet statt. In Dortmund zeigt der 25 Jahre alte Pianist Jan Lisiecki mit einem Chopin-Programm seine Kunst des Anschlags.

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          Ein Anfang, als müsste der Pianist sich ans Spielen erst wieder herantasten: die Einleitung von Frédéric Chopins f-Moll-Ballade op. 52, interpretiert von Jan Lisiecki im Dortmunder Konzerthaus. Auftrumpfen wäre deplaziert, ist aber auch unnötig. Vor der ersten Melodie steht der Klang des Instruments im Raum, als Reichtum von Möglichkeiten. Das Thema setzt als etwas Bestimmtes ein, das aus dem Gedächtnis hervortritt und nicht überscharf artikuliert werden muss, weil es vertraut ist: ein Volkslied. Es geht dann gleichsam von Mund zu Mund, als säßen Flüchtlinge zusammen, um sich einen fremden Raum heimatlich einzurichten.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          So finden sich die Konzertbesucher in einer vertrauten Welt wieder, die etwas Befremdliches behält, auch wenn sie bei Schließung der Saaltüren ihre Masken ablegen durften. Noch nicht einmal die Garderoben sind geöffnet.

          Franz Xaver Ohnesorg, der Intendant des aus Eintrittsgeldern und privaten Zuwendungen finanzierten Klavier-Festivals Ruhr, möchte mit der Notausgabe des Festivals ein doppeltes Zeichen setzen: Kulturveranstaltungen unter Einhaltung der aktuellen gesundheitspolitischen Schutzvorschriften sind möglich – und Kontakte können tatsächlich auf ein Minimum reduziert werden. Unter normalen Bedingungen würde man den Saal als leer bezeichnen. Auf zwei besetzte Plätze folgen sieben leere, etliche Reihen bleiben komplett frei. Tatsächlich entsteht so beim Betreten und Verlassen des Saals kein Gedränge.

          70 Minuten Solo ohne Pause

          Die Pianisten spielen ihre Soloprogramme zweimal am Tag, je siebzig Minuten etwa, ohne Pause. Jan Lisiecki ist aus Kanada gekommen. Der Fünfundzwanzigjährige ist in Calgary aufgewachsen; seine Eltern waren 1988 aus Polen ausgewandert. Er gibt vier Konzerte und spielt am ersten seiner beiden Tage ein reines Chopin-Programm.

          Im Mittelpunkt stehen sieben Nocturnes. Wie bietet Lisiecki die Nachtstücke dar? Mit einem Wort: hell. Mit diesem Paradoxon soll aber nichts Gewolltes bezeichnet werden. Im Gegenteil: Artistisch ist Lisieckis Gestaltung in dem Maße, wie sie sich zurücknimmt. Das romantische Schweifen, die Ausweitung der Räume im Zuge der Zeit, ist keine Sache von Lust und Laune. Dieser Nachtwanderer ist geradezu ein Ausbund an Stetigkeit und kann nur deshalb Bekanntschaft mit dem Inkongruenten schließen. Beim Betreten träumerischer Regionen sind Pianist und Hörer hellwach. Streng hält Lisiecki in der Basslinie das Maß. So wirkt die Serie der Nocturnes wie eine Reihe von Charakterbildern vor unterschiedlichem rhythmischen Hintergrund. Im cis-Moll-Nocturne op. 27 Nr. 1 verbinden sich die Basstöne zum Rauschen einer Drehorgel, im Des-Dur-Pendant op. 27 Nr. 2 sortieren sie sich als Schaltkreis eines Perpetuum mobile.

          Gibt vier Konzerte auf dem Klavier-Festival Ruhr: Der 25-jährige Pianist Jan Lisiecki.
          Gibt vier Konzerte auf dem Klavier-Festival Ruhr: Der 25-jährige Pianist Jan Lisiecki. : Bild: Christoph Köstlin

          Lisiecki versteht den Anschlag zu variieren und macht dieses auffälligste Gestaltungsmittel des Pianisten, wenn man so will: seine Handschrift, zum Instrument der Vermittlung. Der Härtegrad des Anschlags bringt nicht einfach die Eigenart des gesuchten Tons zum Ausdruck, sondern ist Moment in einem Zusammenhang der Relationen und Kontraste. Wie in einer alteuropäischen Prozession jeder Würdenträger seinen Platz aus eigenem Recht einnimmt, so baut sich das Thema des c-Moll-Nocturnes op. 48 Nr. 1 Schritt für Schritt auf. Lisiecki wählt einen leichten Anschlag – und dieser verleiht den durch Pausen separierten Tönen Gewicht. An einen Marsch wird man bei dieser Interpretation nicht denken: Die Einzeltöne demonstrieren keine Stärke, sondern saugen die Leere ein, die sie umgibt, um sie in Atmosphäre zu verwandeln.

          Das Thema des Mittelteils von op. 27 Nr. 1 ist eine Art Ständchen. Lisiecki trägt es mit kernigem Anschlag vor: Der Bündigkeit des Gestus im Kleinen entspricht im Großen die episodische Funktion der Passage; der melancholische Zerfall, der sich im Laufe der Wiederholungen einstellt, ist in der Ballung des Willens angelegt. Eine Spezialität von Lisieckis Chopin-Spiel ist seine Behandlung des melodischen Materials, für die das Bild des Auffächerns oder Aufblätterns vorgeschlagen sei: Eine Chopin-Melodie ist die geduldige Verkettung frappanter Nuancen. Im b-Moll-Nocturne op. 9 Nr. 1 führt Lisiecki das Thema in einer kaleidoskopischen Brechung vor, die seine Gestalt intakt lässt. Das ist kein Wunder: Die Erklärung liefert die rhythmische Disziplin des Pianisten, drastisch gesagt: Lisieckis Abneigung gegen das Rubato. Kontrollierte Motorik und Vielfalt der Farben sind gekoppelt.

          Den Ordnungssinn dieses Musikers kündigt seine Körperhaltung an: Der hochgewachsene junge Mann sitzt kerzengerade. Die Energie, die für die Organisation von Geläufigkeit permanent produziert werden muss, entlädt sich bei Jan Lisiecki manchmal im Unterbau der Apparatur aus Pianist und Instrument. Seine Beine sind so lang, dass sie an die Unterseite der Tastatur stoßen, und in den Momenten äußerster Steigerung der Kräfte, etwa am Schluss der f-Moll-Ballade, schrammt er schon einmal mit den Beinen über den Boden oder stampft sogar mit dem Fuß auf.

          Den standesgemäßen Abschluss der Dortmunder Konzerte bilden Andante spianato et Grande Polonaise brillante in Es-Dur op. 22. In der großen Polonaise praktiziert Lisiecki einen markant federnden, abgerundeten Anschlag: Dem einzelnen Ton prägt er das Drehmoment der Phrase auf, als rotierte der Tänzer bei jedem Schritt um sich selbst. Lisiecki ist bekannt dafür, dass er nur eine Zugabe gibt. In Dortmund ist es die Aria aus Bachs Goldberg-Variationen. Das ist ein Tribut an den Landsmann Glenn Gould und gibt für das Verständnis Chopins zu bedenken, dass alle melodischen Einfälle womöglich das bezwingende Beiwerk einer seelenruhig durchgehaltenen Grundfigur des Gleichmaßes sind.

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